Der Schlag der Pausenglocke kam scharf und eindeutig. Er durchschnitt die Luft, und mit ihm löste sich der Klassenraum in Bewegung auf. Stühle rutschten, Hefte klappten zu, Stimmen brachen aus der zuvor mühsam gehaltenen Stille hervor. Fast alle waren sofort auf den Beinen. Arlon nicht. Er saß noch da, den Blick leicht gesenkt, während in seinem Kopf Jahreszahlen durcheinanderliefen. Ereignisse, die er eben noch sauber aneinanderreihen wollte, verschoben sich wieder. Dieses Jahr vor dem anderen. Nein – nach. Oder war das der Winter davor gewesen? Er blinzelte, schüttelte kaum merklich den Kopf. Als er schließlich aufstand, waren die ersten schon durch die Tür verschwunden. Arlon griff nach seinem Stuhl, zog ihn ordentlich an den Tisch heran, richtete ihn aus. Eine Kleinigkeit. Aber eine, die ihm einmal ein knappes, anerkennendes Nicken der Lehrerin eingebracht hatte. Seine großen Füße stießen beinahe gegen die Tischbeine, als er sich umdrehte. Er war daran gewöhnt. Auf dem Gang war es bereits leerer als sonst. Die Stimmen entfernten sich Richtung Hof, ein Strom, der ihn diesmal nicht mitgenommen hatte.

Keiner hatte gewartet.

Ein seltsames Ziehen setzte sich in ihm fest, als er durch das Tor auf den Schulhof trat. Er sah sich um, suchte automatisch nach vertrauten Gesichtern. Da – eine Gruppe aus seiner Klasse. Er hob die Hand, wollte etwas sagen. Doch einer von ihnen sah kurz zu ihm herüber, senkte den Blick und ging weiter. Die anderen folgten, als hätten sie es abgesprochen. „Na, wieder am Träumen?“ Die Stimme kam von der Seite. Spöttisch, laut genug, dass andere es hören konnten. Arlon blieb stehen. „Wir haben auf dich gewartet. Ganze! Drei! Minuten!“, sagte ein Junge. „Irgendwann ist auch mal gut. Du bist immer zu spät. Passt ja – erfüllst das Klischee vom dummen Bauern-Bamlait-Jungen perfekt.“ Ein paar lachten. Nicht laut, nicht böse. Aber fies und deutlich. Arlon öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Er spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Etwas wollte er sagen. Etwas Kluges. Oder wenigstens etwas Richtigstellendes. Aber die Worte blieben, wo sie waren. Die Gruppe ging weiter. Einfach so. Er stand einen Moment da, zwischen den anderen Kindern, und fühlte sich plötzlich sehr allein.

Dann klatschte etwas gegen seine Schulter. „He. Nicht so hängen lassen.“ Er drehte sich um. Vor ihm stand Lirya. Eine Stalait aus seiner Klasse, kurze dunkle Haare, ein schiefes Grinsen, das so tat, als hätte sie alles schon tausendmal gesehen und nichts davon ernst genommen. „So schlimm war das nicht“, sagte sie und winkte ab. „Die reden immer schneller, als sie denken.“ Arlon zuckte mit den Schultern. „Und außerdem hast du was verpasst“, fuhr sie fort – und ließ ihm gar keine Zeit zu antworten. Sie erzählte vom Schulweg. Davon, dass sich zwei aus der oberen Klasse gestritten hatten. Davon, dass angeblich jemand im Wald etwas gesehen haben wollte. Von Gerüchten, von Ärger bei den Ruinen, von allem und nichts. Typisches Schülergebrabbel – mit Reibereien, ja, aber genauso über Freundschaften die beschlossen oder für beendet erklärt wurden. Arlon hörte zu. Nickte. Sein Kopf kam langsam wieder an. Da verstummte Lirya plötzlich. „Oh“, sagte sie leise. „Das wird jetzt unangenehm.“

Arlon wusste auch ohne Hinsehen warum. Seine Geschwister kamen auf ihn zu. Die Zwillinge. Zwei Jahre älter. Thalia vorneweg, Torma einen halben Schritt dahinter. Gleicher Schritt, gleicher ernster Blick. „Schon wieder zu spät“, sagte Thalia ohne Einleitung. „Du weißt, wie das aussieht“, ergänzte Tauma. „Die Lehrer reden.“ „Und die anderen auch.“ „Du wirfst kein gutes Licht auf uns.“ Eine Standpauke. Ruhig, abwechseln aber gleichmäßig, perfekt einstudiert und ohne Lautstärke – und genau deshalb schwer auszuhalten. Arlon senkte den Blick. Er sagte nichts. Hinter ihnen trat Lirya einen Schritt zurück, verschränkte die Arme und schwieg. Als die Zwillinge sich abwandten, löste sich die Spannung.

„Los“, sagte Lirya plötzlich, trat ihm gegen den Hintern – nicht fest, aber eindeutig – und grinste. „Rennen wir.“ Arlon lachte auf, keuchend, und rannte los, als wäre er heute Morgen nicht schon genug gerannt – aber er brauchte jetzt dieses kleine Gefühl von ein wenig Wildheit.

Während sie über den Hof liefen, sah er aus dem Augenwinkel noch einmal zurück. Thalia und Tauma standen am Rand, die Arme verschränkt, schüttelten beinahe gleichzeitig den Kopf – und gingen dann in verschiedene Richtungen auseinander. Torma steuerte auf einen seiner Freunde zu, einen Bamlait, sportlich, laut. Ein weiterer Junge kam dazu, ein Stalait mit ehrgeizigem Bartwuchs. Arlon hörte im Vorbeirennen nur Wortfetzen. „Hauer sind ehrlicher.“ „Bart zeigt Reife.“ „Hauer zeigen Stärke.“ Er grinste kurz und rannte weiter. Ein paar Schritte weiter sah er Thalia. Sie sprach mit einem älteren Stalait-Jungen mit vollem, geflochtenem Bart. Sie lachte leise, wurde ein wenig rot. Arlon machte einen weiten Bogen. Dieses Gespräch wollte er wirklich nicht hören. Außer Atem blieb er schließlich neben Lirya stehen. „Beeindruckend koordinierte Standpauke“, keuchte er. Lirya prustete los. „Wie immer gut einstudiert.“ Sie lachten, mitten auf dem Hof.

Dann klingelte die Glocke erneut. Der Unterricht begann pünktlich. Diesmal anschauliche Mathematik. Der Lehrer erklärte einfache Dampfmaschinen, zeichnete Kessel, Kolben und Ventile an die Tafel. Wie Hitze zu Druck wurde. Wie Druck Bewegung erzeugte. Arlon hörte zu. Lirya auch. Der restliche Schultag verlief ruhig. Nach dem Unterricht gingen sie gemeinsam nach Hause. Schüler in kleinen Gruppen, Stalait und Bamlait durcheinander. Lirya wohnte in derselben Straße wie Arlon und seine Geschwister, also gingen sie ein Stück zusammen. An der Abzweigung blieb sie stehen. „Bis morgen“, sagte sie. „Bis morgen“, antwortete Arlon.

Dann folgte er seinen Geschwistern in den Hof. Die schwere Hoftür stand einen Spalt offen. Thalia und Torma gingen vor. Arlon trat als Letzter ein und stieß die Tür hinter sich zu. Sie fiel dumpf ins Schloss.

Er atmete tief ein. Er wusste, dass die Standpauke noch nicht vorbei war.


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