Die Wohnküche war kein Raum, den man betrat – sie nahm einen auf. Ein großer, offener Bereich, in dem der Boden von Generationen geglättet worden war, in dem Rauchspuren an den Balken hingen und jeder Tisch schon einmal als alles gedient hatte: Werkbank, Esstafel, Ablage, Krankenlager, Spielplatz. Hier wurde gekocht, gestritten, gelacht, repariert und manchmal geschwiegen.
Die Tür flog auf. Thalia und Torma waren die Ersten. Wie immer.
Sie schossen quer durch den Raum, direkt auf den großen Tisch zu, an dem ihr Vater saß. Jorin hatte sich über ein seltsames Gebilde aus Holz, Draht und Metall gebeugt. Zwischen Schrauben, Federn und einem verbogenen Schneebesen ragte etwas hervor, das aussah, als wolle es gleichzeitig rühren, schlagen und explodieren. Er arbeitete seit Tagen daran. „Also wirklich“, begann Thalia ohne Punkt und Komma, „man kann doch nicht jeden Morgen—“, setzte Torma nahtlos fort, „—einfach verschlafen, als wäre Zeit optional“, beendeten sie gemeinsam. Jorin hob nicht den Kopf. Nur eine Augenbraue. „Er war wieder der Letzte“, sagte Thalia. „Zu spät, verschlafen, geschniegelt wie ein Igel nach dem Regen“, ergänzte Torma. „Der Lehrer hat schon gegähnt, bevor er überhaupt saß.“ Die zweite Augenbraue zuckte. Arlon stand derweil am Rand des Raumes. Still. Die Schulmappe hing ihm schief von der Schulter. Er sagte nichts. Er ließ es einfach über sich ergehen, wie Regen, der ohnehin nicht aufhörte. Jorin legte das Werkzeug langsam beiseite. Sehr langsam. Er drehte sich um. Sah Arlon an. Öffnete den Mund—
WUMM.
Der dumpfe Schlag ließ den Tisch erzittern. Arlons Mutter, Frika war eingetreten. Mit einem einzigen, kräftigen Schwung hatte sie eine tote Ziege auf die Tischplatte geworfen. Das Tier lag da, schwer, endgültig, mit schlaffem Kopf und eingedrücktem Fell. „Das Essen muss vorbereitet werden“, sagte sie nüchtern. Ein schriller Schrei durchbrach die Stille.
„NEIN! NATASCHA!“
Mira, die jüngste Tochter, stürzte aus einer Ecke hervor, Tränen in den Augen, die Hände zu Fäusten geballt. Frika sah sie an. Ruhig. „Du sagst schon seit Stunden, dass du Hunger hast.“ „Aber Natascha war meine beste Freundin!“ anwortet Mira mit roten Kopf. „Und trotzdem ist es eine Ziege und wir wollen Essen.“ – versuchte ihre Mutter das Gespräch zu beenden, doch Mira setzte fort: „Du tötest immer meine besten Freunde!“ Mira stampfte auf. „Letzte Woche war es Hannes! Und davor Joachim!“ Frika seufzte. Rollte die Augen. „Du sollst den Tieren keine Namen geben. Das hier ist ein Hof. Kein Kinderchor.“ Mira hielt den blick ihrer Mutter stand. „Dann ist Angie als Nächste dran“, murmelte Mira trotzig. „Ganz bestimmt. Angie weidet da draußen.“ – und Blickt dabei zum Fenster. Alma, die Großmutter, hob den Kopf von ihrem Stuhl am Ofen. „Angie?“, fragte sie mild. „Ist das nicht das Nachbarskind?“ Frika hielt inne. Sah zur ihrer Mutter. „Ich werde ganz gewiss kein Nachbarskind schlachten.“ Alma nickte langsam. Dann lachte sie. Kurz. Trocken. „Gut. Das wäre sonst kompliziert geworden.“ Sie setzte ein leises, irgendwie unpassendes Gelächter hinterher und damit war das Thema in leichter Verwirrung beendet.
Frika griff nach einem scharfen Messer. Routiniert. Sicher. Sie begann, die Ziege zu häuten, als wäre es nichts weiter als ein weiterer Handgriff des Tages. Jorin stand auf, schob sein unfertiges Küchengerät beiseite und griff bereits nach anderem Besteck. „Ich setz Wasser auf“, sagte er. Keine Frage. Eine Entscheidung. Alma erhob sich mühsam, ging zu Arlon, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Ihre Finger waren dünn, aber warm. „Mach dir nichts draus“, sagte sie leise. „Träume machen langsam. Aber sie halten einen ganz.“ Sie zwinkerte ihm zu. Und für einen Moment – nur einen – hatte Arlon das Gefühl, als wüsste sie sehr genau, wovon sie sprach.
Der Raum kam in Gang wie ein gut geöltes Getriebe. Frika hatte die Ziege bereits zur Hälfte zerlegt. Das Messer glitt ruhig durch Haut und Sehnen, jeder Schnitt saß. Neben ihr sortierte Torma Holzschalen und schob sie dorthin, wo sie gebraucht wurden. Thalia stellte Becher bereit, wischte über die Tischkante, warf ihrer Mutter kurze Blicke zu und reichte ihr wortlos ein weiteres Tuch. Jorin hatte den Herd angeheizt. Wasser begann zu singen. Er prüfte Töpfe, griff nach Kräutern, zerdrückte sie zwischen den Fingern und roch daran, als müsse er sich vergewissern, dass sie heute noch dasselbe waren wie gestern. Zwischendurch warf er einen Blick auf sein unfertiges Küchengerät, schob es aber entschieden beiseite. Alma saß nahe beim Ofen. Sie schälte langsam Wurzeln, jede Bewegung bedächtig, als folgte sie einem inneren Rhythmus. Ab und an summte sie etwas, das niemand erkannte. Arlon trug Teller heran, stellte sie ab, nahm sie wieder auf, weil sie noch nicht richtig standen. Er hielt sich am Rand, nützlich, aber still.
Nur Mira stand mitten im Raum. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Den Blick wach. Zu ruhig. Sie beobachtete alles. Wartete. Und dann rief sie, laut und klar:
„Thalia ist in Eran verliebt!“
Der Raum erstarrte. Alma lachte als Erste. „Ach wie schön“, sagte sie. „Junge Liebe im Haus?“ „Mira!“, fuhr Thalia herum. „Und sein Bart ist auch schon sehr mächtig!“, setzte Mira begeistert nach. „Mira!“, Thalia jetzt schärfer. Alma legte den Kopf schief. „Ein Stalait-Junge also?“ „Alma“, sagte Jorin warnend, ohne sich umzudrehen. „Die mit den Fackeln…“, murmelte die Großmutter. „…die, die gerne Bäume verbrennen.“
Stille.
Jorin drehte sich langsam zu ihr. „Willst du, dass wir die Inquisition im Haus haben?“ Alma sah ihn an. „Ich habe gesehen, wie die Bäume gebrannt haben“, sagte sie ruhig. „Mein Vater hat noch das Feuer gelöscht. Und ist dann losgezogen, um gegen sie zu kämpfen.“ Ein kurzes, scharfes Lachen. „Drei Kämpfer der Inquisition brauchte es, um ihn aufzuhalten.“
„Es reicht“, sagte Jorin hart.
Frika legte ruhig das Messer ab. „Außerdem hast du doch den Vater des Jungen großgezogen.“ Alma nickte. „Ja. Und genau deshalb kenne ich diesen Bengel sehr genau.“ „Hört auf“, sagte Thalia hastig. „Es ist peinlich. Und wir wissen noch gar nicht, ob er mich überhaupt mag.“ Alma beugte sich vor. „Warum sollte er dich nicht mögen? – Bist du etwa nicht gut genug für ihn?“ Thalia errötete bis in die Haarspitzen. „Ich werde seinem Vater, diesem Bengel, schon sagen“, fuhr Alma fort, „dass unsere Familie, die auch seine Familie ist, gut genug zu sein hat!“ In der Verwirrung der anderen begann sie wieder von der Inquisition zu sprechen. Von Feuer. Von Männern mit Orden und kalten Augen.
Jorin schlug mit der Hand auf den Tisch. „Es ist wirklich genug!“
Der Raum atmete aus. Der Raum war stiller geworden. Jorin atmete hörbar aus. Seine Hände ruhten auf dem Tisch, als müsse er sich daran festhalten.
„Du weißt“, begann er und brach kurz ab, „dass die Inquisition nicht nur … Schaden gebracht hat.“ Er sah Alma nicht an. „Damals. Als sie die anderen zurückgeschlagen haben.“ Alma hob langsam den Kopf. „Die Verführten“, sagte sie ruhig. Jorin verzog das Gesicht, sagte aber nichts. „Du musst mich nicht daran erinnern“, fuhr Alma fort, leise, aber klar, „wie ich meinen Ehemann verloren habe.“ Sie stand auf und trat zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schultern. Nicht tröstend. Erdend. „Und du musst mich auch nicht daran erinnern, wie du deine Eltern verloren hast.“ Jorin schloss die Augen. Nur einen Moment.
„Die Verführten?“ Miras Stimme platzte in die Stille, hell und neugierig. „Was sind denn die Verführten?“
Niemand antwortete sofort. Alma löste sich von Jorin und ging zum Bücherregal. Ihre Finger glitten über die alten Rücken, blieben an einem dicken Band hängen. Sie zog ihn heraus, hielt ihn einen Moment in den Händen. „Manche Worte“, sagte sie schließlich, „sind zu schmerzhaft, um sie immer wieder laut zu sagen.“ Sie drehte das Buch leicht, sodass alle es sehen konnten. „Darum haben wir sie aufgeschrieben.“ „Liest du vor?“, fragte Mira sofort. Alma schüttelte den Kopf. „Nein.“ Ein sanftes Lächeln. „Dieses Buch ist nicht zum Vorlesen da. Nicht so.“ Sie strich über den Einband. „Wir Großeltern haben sie gemacht, damit nichts verloren geht. In Bildern. Und in Worten.“ Sie atmete kurz und tief. „Die Bilder sind für euch, solange ihr noch klein seid. Und die Worte warten, bis ihr bereit seid.“ Mira trat näher und nahm das Buch von ihrer Großmutter entgegen und schlug es auf. Ihre Finger glitten über die Zeichnungen, über brennende Formen, dunkle Gestalten, verschlungene Linien. Sie verstand nichts – und doch spürte sie, dass es wichtig war.
Arlon stand still daneben. Er kannte dieses Buch. Jede Seite. Jeden Absatz. Während Thalia und Torma es immer nur hatten kennen müssen, hatte Arlon es gelesen. Immer wieder. Für ihn war es kein Gewicht gewesen, sondern ein Schatz. Wissen, das blieb. Auf dem Umschlag verschlangen sich Stein und Holz ineinander. Auf dem Rücken stand schlicht: Eine Geschichte von Ura.
Frika trat an den Tisch, warf Jorin routiniert die ausgebeinte Keule zu. Er fing sie, ohne hinzusehen. Mira blätterte weiter. Langsam. Bild für Bild. Alma blieb neben ihr stehen, legte die Hand auf Miras Kopf und strich einmal über das Haar. Ihr Blick war weise – und schmerzvoll, als sähe sie durch die Seiten hindurch etwas, das nicht gedruckt war. Dann wandte sie sich wieder dem Ofen zu, setzte sich und nahm die Wurzeln erneut auf. Ihre Finger arbeiteten weiter, als wäre das Schneiden eine Art Gebet.
Der Herd knisterte.
Das Wasser kochte.
Und zwischen Bildern, die noch nicht verstanden wurden, und Worten, die zu schwer waren, schloss sich der Abend langsam um sie alle.

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