Während in den frühen Morgenstunden die Schüler der Stadt prappelnd ihren Weg zur Schule antraten, noch im Zwielicht der Nacht, wenn die Laternen mehr Schatten als Licht warfen, lag westlich des Ruinbogens – den manche auch nur den Urabog’n nannten – eine kleine Hütte still am Waldrand. Dort schlief Arlon.
Die Decke war über ihn gezogen, nur seine Füße ragten hervor. Groß für sein Alter, reglos bis auf ein gelegentliches Zucken der Zehen. Selbst das erste Krähen des Hahns ließ ihn unbeeindruckt. Ein kurzer Impuls im großen Zeh – mehr Reaktion gönnte er der Welt nicht. Der Rest seines Körpers blieb tief vergraben im Schlaf, als hätte er sich bewusst entschieden, den Morgen zu ignorieren. Erst als die ersten Dampfmaschinen aus ihren Garagen traten, das Zischen der Ventile und das schwere Schnaufen der Kessel die Stille zerrissen und sich der Lärm über die Straßen legte, riss Arlon die Augen auf. Er setzte sich abrupt auf.
„…was?“
Warum waren die Zugmaschinen schon unterwegs? Sein Blick fiel zum Fenster. Licht. Zu viel Licht. Nein. Der Blick zur Uhr bestätigte es. Er war spät. Sehr spät. Arlon sprang auf, warf sich die Kleidung über, griff seine Schulsachen und stürmte hinaus. Die Schule lag östlich der Stadt. Jenseits des Marktes. Jenseits der Werkviertel. Ein weiter Weg – einmal quer durch Ura. Er rannte.
Der Markt war bereits erwacht. Händler riefen, Kisten wurden geschoben, Dampfmaschinen schnauften zwischen den Menschen hindurch. Arlon schlängelte sich durch den Trubel, wich aus, stoppte abrupt, rutschte beinahe auf feuchtem Pflaster aus. Vorbei – nein. falsch gelaufen – zurück. Maschine. Vorsichtig – Wasser spritzte aus einem Überdruckventil. Er sprang zur Seite, fing sich, lief weiter. Immer weiter. Ostwärts.
Am Straßeneck hielten ihn die Wachen an. „He! Was tust du da? Lauf gescheit“, knurrte einer. „Du störst die Leute.“ Arlon nickte, zwang sich in einen ruhigen Schritt. Er wusste, dass er hier doch laufen durfte. Die Wachen wussten es auch. Aber rennende Kinder passten nicht in ihren trubbeligen Morgen. Erst als er sicher war, dass ihre Blicke sich abgewandt hatten, rannte er wieder los. Die Schule kam in Sicht.
Ein großes, massives Gebäude aus hellem Stein. Kantig. Schwer. Errichtet von den Stalait – und für die Stalait. Das sah man sofort. Die Türrahmen waren niedrig und schmal. Die Bänke kurz, hart, aus einem Stück gehauen. Alles war auf steinerne Körper gebaut: kompakt, unbeugsam. Die Bamlait mussten sich hineinzwängen. Schultern drehen, Köpfe senken, Beine anziehen. Jeder Eintritt war ein kleines Anpassen an eine Welt, die nicht für sie gedacht war. Gelächter der Stalait begleitete das oft. Ein leises, selbstverständliches Lachen. Arlon kannte es. Und doch war er froh, hier zu sein.
Lange Zeit war das verboten gewesen. Bamlait-Kinder gehörten nicht in Klassenzimmer. Sie gehörten auf die Felder, zu den Bäumen, in den Wald. Nahrung beschaffen. Pflegen. Erhalten. Für Ura. Jetzt durften oder mussten sie genau so lernen. Für Arlon war dies ein segen. Auch wenn die Bänke zu klein waren. Auch wenn er sich jedes Mal bücken musste. Auch wenn dieses Gebäude ihn nie wirklich gemeint hatte.
Der Unterricht hatte längst begonnen. Die erste Stunde war verloren. Vielleicht sogar mehr. Egal. Hauptsache angekommen. Arlon zog die Schulmappe fester an sich, atmete tief durch – und trat ein. Im Unterricht stand Frau Edeltraut.
Frau Edeltraut war eine ältere Stalait-Lehrerin. Eine von jener Sorte, die schon immer hier gewesen zu sein schien. Die Schule kannte sie seit Ewigkeiten – so wie sie ganz Ura seit Ewigkeiten kannte. Wahrscheinlich hatte sie bereits die Eltern unterrichtet. Und davor deren Eltern. Manche sagten, sie habe die Stadt wachsen sehen. Andere, sie sei einfach immer da gewesen und nie gegangen.
Sie hob langsam eine Augenbraue. „Was ist passiert?“ Arlon öffnete den Mund. Ein Gedanke huschte ihm durch den Kopf – irgendetwas mit Lärm, mit Maschinen, mit einem Zwischenfall. Doch noch bevor er ein Wort formen konnte, winkte sie ab. „Ah“, sagte sie trocken. „Du hast wieder verschlafen.“ Arlon wurde rot und nickte. Ein leises Lachen ging durch die Klasse. Vor allem von den Stalait-Kindern. Kein offenes Johlen, eher dieses selbstverständliche Kichern, das nicht böse gemeint sein musste – aber genau so wirkte. Die Bamlait hingegen schauten verlegen zu Boden. Arlon hatte sie wieder sichtbar gemacht. Wieder daran erinnert, dass sie in den zu kleienn Räumen eh schon auffielen.
Frau Edeltraut drehte sich zur Tafel. „Wir sind bei den Stannern.“ Skizzen von Bergen. Eingeritzte Höhlen. Zeichen für Handel und Schmiedekunst. Die Stanner – ein Volk aus dem Gebirge. Kleiner als die Stalait, aber mit ihnen verwandt. Ihre Lehrmeister in Bau- und Schmiedekunst. Sie lebten tief im Fels, bevorzugten ihre verborgenen Hallen und kamen nur selten hinaus. Zum Handeln. Um ihre Erze im Licht zu lesen. Um ihre Arbeiten zu zeigen. Ihre Heimat blieb das Gebirge.
„Arlon“, sagte Frau Edeltraut, ohne sich umzudrehen. „Was weißt du über sie? Wo leben sie? Wann kommen sie heraus? Und wofür sind sie bekannt?“ Er blinzelte kurz – dann antwortete er. Sprach vom Leben in den Bergen, von langen Wintern, von der Kunst, Metall zu lesen und nicht nur zu formen. Davon, dass die Stanner den Schutz ihrer Höhlen und prachtvollen Hallen nicht verließen, wenn sie es nicht mussten. Als er endete, herrschte einen Moment Stille. Die Lehrerin wandte sich um. Ihr Blick blieb streng – doch ein kaum sichtbares Lächeln zuckte darin. „Na gut“, sagte sie schließlich. „Wenigstens hast du nichts verpasst.“ Sie deutete auf seinen Platz. Arlon zog unwillkürlich die Schultern ein. Ein Hauch Stolz, gemischt mit Verlegenheit. Er zwängte sich in die zu kleine Steinbank, zog die Beine an, presste die Schultern zusammen. Wieder dieses Reindrücken. Wieder dieses Anpassen. Das Gelächter der Stalait-Kinder wurde lauter. Frau Edeltraut schlug scharf mit dem Zeigestock auf den Tisch. „Genug.“ Stille. Sie fuhr fort. Sprach von den großen steinernen Hallen der Stanner, von ihren Städten, ihrer Baukunst. Davon, wie man Stein formt, ohne ihn zu brechen. Wie sie die ersten Stalait aufgenommen und unterrichtet hatten. Wie Generationen gemeinsam im Schutz des Steins aufgewachsen waren.
Arlon hörte zu. Und driftete ab. Auf dem Markt hatte er oft Stanner gesehen. Vor allem die stolzen Frauen, deren Bärte genauso lang waren wie die der Männer, voller Stolz auf ihre Schmiedekunst. Ein Stanner-Kind hatte er noch nie gesehen. Sie verließen ihre Hallen erst, wenn sie erwachsen waren. Er dachte an Orte, die nicht für ihn gebaut waren – und an jene, nach denen er sich sehnte. Weite Felder. Luftige Wälder. Gärten, die man anlegt, um sie irgendwann wieder mitzunehmen. Dann dachte er an die Bammer. Groß gewachsen, um über jedes Gras zu schauen. Immer unterwegs. Immer ihre Gärten dabei. Niemals ruhend. Freundlich, geschickt, durchaus fähig, ihre Karawanen zu schützen. Für manche wirkten sie seltsam oder wild – doch für die Bammer waren ihre Karawanen ihr Zuhause, das sie bereit waren auch zu teilen. Sie hatten den Bamlait beigebracht, wie man Gärten anlegt. Wie man fruchtbaren Boden mitnimmt. Und während die Bamlait Wurzeln schlagen wollten, war das den Bammern fremd. Sie liehen sich Land – und zogen weiter. Vielleicht machten sie deshalb einen Bogen um Städte. Deshalb sah man sie kaum in Ura. Doch wenn Gärten kränkelten oder Tiere erkrankten, suchten die Bamlait ihren Rat.
„Arlon.“ Er reagierte nicht. „Arlon.“ Dann, lauter, von mehreren Stimmen – die ganze Klasse rief seinen Namen. Er fuhr zusammen. Ein strenger Blick traf ihn. Wieder kichern die Stalait. Die Bamlait versuchten, sich hinter ihren zu kleinen Bänken unsichtbar zu machen. „Pass auf“, ermahnte Frau Edeltraut. Und sprach weiter. Vom Chaos. Davon, wie die Stanner die verwirrten Stalait aufgenommen hatten, als die Welt aus den Fugen geraten war. Arlon hörte zu.
Dieses Mal wirklich.

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