Kapitel 6 - Das Erntefest
Es gibt in Ura einen Tag im Jahr, an dem die Stadt vergisst, dass sie es nicht eilig hat – und stattdessen den ganzen Tag damit verbringt, langsam zu sein, aber mit aller Kraft. Das ist das Erntefest.
Schon am Morgen roch es anders. Nicht nur nach Holzrauch und Brot, sondern nach allem zugleich: nach gebratenem Wild und Pilzen in Butter, nach heißem Most, nach Kräutern, die in großen Töpfen über offenen Feuern dampften, nach frisch gehobeltem Holz, weil überall Tische und Bühnen aus dem Boden wuchsen. Die alten Gärten rund um den Großen Bogen, sonst still und ein wenig verwunschen, waren über Nacht zu einem einzigen langen Festplatz geworden. Zwischen den Wanderolivenbäumen hingen Lampions, und der Bogen selbst stand mitten in allem, ernst und freundlich zugleich, während Kinder auf ihm herumkletterten wie an jedem anderen Tag auch. Für sie war er kein Rätsel. Für sie war er der beste Aussichtspunkt aufs Fest.
Arlon kam diesmal nicht zu spät. Die Zwillinge hatten dafür gesorgt – am Festtag verschlief nicht einmal Arlon, und falls doch, gab es Thalia und Torma. Sie zogen ihn mit, Mira tanzte schon drei Schritte voraus, Frika trug einen Korb, der schwerer aussah als Mira, und Jorin schleppte etwas Selbstgebautes, das angeblich Nüsse knacken sollte und vermutlich das halbe Fest in die Luft jagen würde. Alma kam als Letzte, langsam, mit diesem kleinen Lächeln, das sie an Festtagen immer trug, als wüsste sie schon, wie der Tag enden würde, und freute sich trotzdem auf jeden Augenblick dazwischen.
Auf dem Platz vermischte sich, was sich sonst höflich aus dem Weg ging. Die Stanner hatten ihre Trommeln und Pfeifen mitgebracht, dazu seltsame mechanische Instrumente, die schnauften und klimperten und von selbst den Takt hielten. Die Bammer antworteten mit Gesang, mit Hörnern und Flöten, weich und weit. Eine Weile schien es, als spielten zwei Feste auf einmal, jedes für sich. Dann fand jemand den richtigen Augenblick, und plötzlich passten Trommel und Horn zusammen, als hätten sie immer zueinander gehört – verschieden, gewiss, aber an der Wurzel dieselbe Freude. Die Leute tanzten, Stalait und Bamlait bunt durcheinander, und niemand zählte mehr, wer woher kam.
Lirya fand Arlon am Mosttisch. „Du bist pünktlich", sagte sie anstelle einer Begrüßung und musterte ihn, als wäre das ein verdächtiges Naturphänomen. „Ich bin beeindruckt." „Genieß es", sagte Arlon. „Es kommt nicht wieder vor." Sie lachten und ließen sich vom Strom der Menge mitnehmen, von Stand zu Stand, bis ein Raunen über den Platz lief – das besondere Raunen, das es nur gibt, wenn jemand kommt, auf den alle gewartet haben.
„BRANN!"
Man hörte ihn, ehe man ihn sah. Ein Lachen, tief und ansteckend, das über die Köpfe rollte, und dann teilte sich die Menge, und da war er: ein Bammer, groß sogar für einen Bammer, breit wie ein Scheunentor, mit Hauern, die er beim Grinsen großzügig zeigte, und einer Haut, die im Lampionlicht beinahe wie altes Laub schimmerte. Über der Schulter trug er, wie immer, einen kleinen wandernden Garten – ein Gestell voller Töpfe, aus denen Kräuter und Ranken quollen, manche davon in Farben, die Arlon nie zuvor an einer Pflanze gesehen hatte. Brann umarmte halb Ura auf einmal, hob Mira hoch, dass sie quietschte, klopfte Jorin so herzlich auf die Schulter, dass dieser sein Nussgerät fallen ließ, und rief Frika etwas zu, das im Lärm unterging, sie aber zum Lachen brachte.
Dann sah er Alma. Und für einen Moment wurde der laute Brann ganz leise. Er ging zu ihr, nahm ihre kleine Hand in seine riesige und beugte sich hinunter, und was er ihr sagte, hörte niemand. Alma lächelte, klopfte ihm auf die Wange wie einem Kind und sagte etwas zurück, das ihn wieder lachen ließ – aber kürzer diesmal, und mit feuchteren Augen, als ein Lachen es erklärte.
„Und wo, frage ich mich", sagte eine zweite Stimme, ruhig, trocken und vollkommen unbeeindruckt vom Trubel, „lässt ein Bammer eigentlich seine Manieren, wenn er reist? Im selben Beutel wie die Seife, nehme ich an. Beide unbenutzt."
Edward.
Er war das genaue Gegenteil und stand doch ganz selbstverständlich daneben: ein Stanner, gedrungen und gerade, mit einem sorgfältig geflochtenen Bart und einer Weste, deren kleine Knöpfe im Licht wie Uhrwerk blitzten. Tatsächlich zog er, während er sprach, eine flache Uhr aus der Tasche, sah hinein, als hinge der Lauf der Welt davon ab, und ließ sie wieder verschwinden. Alles an ihm war ruhig, höflich und eine Spur zu wehmütig für ein Fest.
„Edward!", brüllte Brann begeistert und schloss ihn in eine Umarmung, die der kleinere Stanner mit der Geduld eines Mannes ertrug, der das seit Jahren über sich ergehen lässt. „Du riechst nach Maschinenöl und schlechter Laune." „Und du nach allem anderen", erwiderte Edward, strich sich die Weste glatt und betrachtete Branns wandernden Garten mit höflichem Entsetzen. „Eines Tages wächst dir daraus etwas heraus, das dich auffrisst, und ich werde danebenstehen und sagen: Ich habe es vorausgesehen." „Und dann", sagte Brann zufrieden, „wirst du trotzdem traurig sein." Etwas huschte über Edwards Gesicht – kein Widerspruch. „Ja", sagte er nur. „Das werde ich."
Arlon mochte die beiden sofort, so wie ganz Ura sie mochte. Sie waren wie ein altes Lied, das man jedes Jahr aufs Neue gern hörte. Und doch war da, unter dem Necken, etwas, das er nicht recht greifen konnte – als teilten die beiden grundverschiedenen Männer in Wahrheit ein und dieselbe Sache, die zu schwer war, um sie auszusprechen, und über die man deshalb lieber Witze machte.
Es wurde noch deutlicher, als Frau Edeltraut dazutrat.
Die strenge alte Lehrerin, die Arlon nur von der Tafel und ihrem „nicht rennen!"-Blick kannte, war hier eine andere. Sie sagte nichts Besonderes – ein Nicken zu Brann, ein leises Wort zu Edward – und trotzdem veränderte sich etwas, als die drei beieinanderstanden. Sie redeten nicht viel. Sie mussten nicht. Es war, als gehörten sie zusammen wie drei Teile von etwas, das man auseinandergenommen und auf weite Wege verteilt hatte. Brann lachte, Edward sah auf seine Uhr, Edeltraut blickte zum Bogen – und für einen winzigen Augenblick wurden alle drei zugleich still, ganz ohne Grund, wie drei Menschen, die denselben fernen Ton hören.
Arlon bekam nur das Ende davon mit. Aber Lirya hatte es gesehen.
„Hast du das gemerkt?", fragte sie leise, dicht an seinem Ohr, den Blick noch auf die drei gerichtet. „Was denn?" „Sie haben alle im selben Moment aufgehört." Sie sagte es ohne Aufregung, nüchtern, so wie sie Dinge sagte, die ihr aufgefallen waren. „Brann lacht am lautesten, wenn er zum Bogen schaut. Hast du gesehen? Je fröhlicher er tut, desto weiter weg sind seine Augen." Sie legte den Kopf schief. „Die freuen sich, hier zu sein. Und gleichzeitig tut es ihnen weh. Beides auf einmal."
Arlon sah sie an. Er hätte das nicht in Worte fassen können – er hatte es nicht einmal richtig gesehen. Lirya schon. Sie sah solche Dinge, fiel ihm auf, nicht zum ersten Mal: nicht das, was laut war, sondern das, was leise darunter lag.
„Du bist unheimlich", sagte er, und meinte es als Kompliment. „Ich weiß", sagte sie und grinste schief. „Komm, sie tanzen gleich."
Und es wurde ein guter Abend. Brann tanzte mit halb Ura, hob Mira immer wieder hoch, erzählte Geschichten von Orten, deren Namen Arlon nicht kannte und die zu fern klangen, um wahr zu sein – von Lichtern, die nicht von Feuer kamen, von Wagen ohne Pferde und ohne Dampf, von einem Himmel, der anders aussah. Die Kinder hielten es für Flunkerei und liebten es. Edward saß die meiste Zeit am Rand, eine Tasse heißen Most in den Händen, und sah dem Treiben zu mit diesem Lächeln, das immer ein wenig nach Abschied roch. Einmal fragte Arlon ihn, woher er komme, einfach so. Edward sah ihn lange an, und dann sagte er nur: „Von weit her, junger Freund. Und von ziemlich nah. Beides ist wahr, und das ist das Schwierige daran." Dann schenkte er Arlon Most nach, als wäre damit alles gesagt.
Spät, als die Lampions herunterbrannten und die Musik weicher wurde, standen Brann und Edward zusammen am Fuß des Bogens, und Arlon, der eigentlich nur seine Mütze suchte, hörte ein paar Worte, die nicht für ihn bestimmt waren. „Wie lange diesmal?", fragte Edward. „Drei Tage", sagte Brann, und alles Laute war aus seiner Stimme verschwunden. „Vielleicht vier. Dann ruft es wieder." „Mich auch", sagte Edward. Sie schwiegen, zwei Männer vor einem alten Stein, jeder mit einer Heimat zu viel und keiner mit der richtigen.
Arlon nahm seine Mütze und ging leise zurück zu seiner Familie, ohne zu verstehen, was er da gehört hatte. Er wusste nur, dass die beiden Männer, über die ganz Ura lachte und an die sich alle freuten, irgendetwas mit sich trugen, das schwerer wog als Branns Garten und genauer ging als Edwards Uhr.
Über ihnen, im verlöschenden Licht, stand der Große Bogen und sah dem Fest zu, wie er allem zusah. Und Arlon hätte schwören können, dass Brann, ehe er ging, ihm noch einmal zunickte – nicht den Menschen. Dem Bogen.