Kapitel 1 - Das Städtchen Ura

Kapitel 1 - Das Städtchen Ura

Die Geschichte beginnt in Ura.

Ura liegt mitten in einem weiten Wald, dort, wo sich sanfte, bewaldete Hügel aneinanderlehnen und kleine Bäche zwischen den Bäumen plaudern, als hätten sie sich viel zu erzählen. Keine große Stadt, keine Hauptstadt – sondern ein Ort, der lebt, weil er gern lebt. Dächer aus dunklem Schiefer schmiegen sich aneinander wie schlafende Katzen, schmale Gassen winden sich vergnügt zwischen Fachwerk und Stein, und über allem liegt der Geruch von Holzrauch, feuchtem Laub und frischem Brot. Wer am Morgen durch Ura geht, hat es nicht eilig. Ura hat es nie eilig.

Am Morgen erwacht die Stadt langsam und gut gelaunt. Schulkinder hüpfen über das Kopfsteinpflaster, Taschen schlenkern, Stimmen purzeln durcheinander – Lachen, kleine Streitereien, große Pläne für den Nachmittag. Sie kennen jede lose Platte im Weg, jeden Vorsprung, auf den man springen kann, jede Abkürzung, die eigentlich keine ist, sich aber besser anfühlt. Die Händler schieben verschlafen ihre Läden auf. Bald wird der Markt voll sein: Brot, noch warm vom Ofen, getrocknete Kräuter in kleinen Bündeln, allerlei metallene Kleinteile, deren Zweck niemand kennt und die genau deshalb so gut zu verkaufen sind. Eine Bäckersfrau ruft jemandem ein „die Zwölfe mit dir" hinterher, halb aus Gewohnheit, halb aus Herzlichkeit, und meint damit vor allem: einen schönen Tag.

Aus den alten Ställen am Stadtrand steigt dünner Rauch. Wo früher Zugtiere schnaubten, werden heute dampfgetriebene Wagen angeheizt – mit klobigen Kesseln, blank geputzten Ventilen und einem Schnaufen, das klingt, als wären sie selbst noch ein wenig verschlafen. Sie riechen nach Öl und heißem Eisen, und noch immer bleiben Kinder stehen, um die Zischlaute zu zählen, während die Alten den Kopf schütteln und trotzdem hinsehen. Immer sehen sie hin. Etwas Neues, das in eine alte Stadt kommt, ist eben ein kleines Fest.

Auch die Wachen der Inquisition gehören längst zum Bild. Ihre Rüstungen sind matt, hier und da ausgebessert, und sie lehnen öfter an den Mauern, als dass sie patrouillieren. Die Älteren erzählen, dass das einmal anders gewesen sei – mit gesenkter Stimme und jenem wohligen Schauer, der zu einer guten Geschichte gehört. Doch die Kinder kennen die Wachen nur als die freundlich-mürrischen Männer, die „nicht rennen!" rufen und einem heimlich zunicken, wenn man trotzdem rennt.

Über den Markt hinweg sieht man die Ruinen. Niemand weiß genau, wie alt sie sind, und an einem Morgen wie diesem fragt auch keiner danach. Sie gehören zu Ura wie die Hügel und der Wald. Doch wer hinschaut, ahnt, dass es hier einmal eine andere Zeit gegeben haben muss – eine größere, prächtigere, mit Sälen und Glanz, von der heute nur noch das Erzählen geblieben ist. Mitten in den alten Gärten steht ein halber Bogen aus einem Stein, der fremd und vertraut zugleich wirkt, umrankt von uralten Wanderolivenbäumen. Sieht man ganz genau hin, wiederholt sich das Muster im Stein in sich selbst, immer kleiner und kleiner, wie ein freundlicher Scherz, den der Bogen mit dem Auge treibt. Die Kinder klettern darauf, wenn die Gärtner gerade nicht hinsehen. Für sie ist er kein Rätsel. Für sie ist er der beste Aussichtspunkt der ganzen Stadt.

Zwei alte Familien haben Ura geprägt, und man erkennt sie noch heute. Die Stalait, gedrungen und geschickt, mit den Händen von Steinmetzen – sie bauten die ersten Häuser um die Ruinen, im schönen Traum, eines Tages an den alten Glanz heranzureichen. Und die Bamlait, größer, kräftiger, aus den tiefen Wäldern gekommen: wandernde Sippen, die ihre Gärten mit sich trugen und überall, wo sie Rast machten, etwas zum Blühen brachten. Lange suchten sie einen Platz zum Bleiben. Für eine ihrer Sippen wurde Ura dieser Platz. Wo Stein und Wald sich begegnen, knirscht es manchmal – aber meistens wächst etwas Schönes daraus: ein Garten an einer alten Mauer, ein Fachwerkhaus mit Kräutertöpfen auf dem Sims.

So ist Ura: alt und leicht zugleich, ein Städtchen, das seine Geschichten trägt wie ein gemütliches, etwas zu großes Gewand. Und westlich des Bogens, in einer kleinen Hütte am Waldrand, schläft an diesem hellen Morgen ein Junge tief und selig, die Decke bis zur Nase gezogen, nur die Füße schauen heraus. Er träumt gerade etwas besonders Schönes – man sieht es an seinem zufriedenen Gesicht – und ahnt noch nicht, dass die Sonne längst zu hoch steht.

Er wird gleich verschlafen. Wie so oft.

Sein Name ist Arlon.

Weiter zu Kapitel 2 - Der Morgen eines Tagträumers →