Kapitel 2 - Der Morgen eines Tagträumers
Während die Schüler der Stadt schon längst über das Pflaster hüpften, lag westlich des Bogens, in der kleinen Hütte am Waldrand, noch immer Arlon. Die Decke bis zur Nase, nur die Füße im Freien, groß für sein Alter und vollkommen reglos – bis auf ein gelegentliches Zucken der Zehen; mehr Antwort gönnte er dem Morgen nicht. Selbst das erste Krähen des Hahns ließ ihn kalt. Erst als die Dampfwagen aus ihren Garagen schnauften, als Ventile zischten und Kessel ächzten und sich der Lärm gemütlich über die Dächer legte, riss Arlon die Augen auf.
„…was?"
Warum waren die Wagen schon unterwegs? Sein Blick fiel zum Fenster. Licht. Viel zu viel Licht. Und die Uhr – ach, die Uhr. Arlon war spät. Sehr spät.
Was nun folgte, hätte ein Beobachter für eine kleine Vorstellung halten können: Ein langer Junge fährt aus dem Bett, verheddert sich in der eigenen Decke, hüpft auf einem Bein in die Hose, schnappt seine Schulmappe und eine Scheibe Brot zwischen die Zähne – die kleinen Hauer machen das praktisch – und stürmt hinaus in den Morgen, als hinge das Schicksal der Zwölfe daran.
Der Markt war schon wach. Händler riefen, Kisten polterten, ein Dampfwagen tuckerte mitten durch die Menge und ließ alle beiseitespringen. Arlon schlängelte sich hindurch wie ein Aal: ausweichen, abbremsen, beinahe auf nassem Pflaster ausrutschen – falsch herum – zurück – an einem Überdruckventil vorbei, das ihm eine warme Wolke ins Gesicht pustete. Eine Marktfrau rief ihm etwas hinterher, das halb Schimpf und halb Lachen war. Er warf ein „Entschuldigung!" über die Schulter, das niemand mehr hörte, und rannte weiter. Immer ostwärts.
An der Straßenecke standen die Wachen. „He! Nicht rennen", brummte einer, ohne sich groß aufzurichten. „Du scheuchst die Leute." Arlon nickte, zwang sich in einen würdevollen Schritt, die Mappe brav an die Brust gedrückt, das Brot noch immer im Mund – ein Bild vollkommener Unauffälligkeit. Der Wachmann sah ihn an, sah weg und verkniff sich ein Grinsen. Kaum war die Ecke hinter ihm, rannte Arlon wieder los.
Dann kam die Schule in Sicht: ein massives, kantiges Gebäude aus hellem Stein, von den Stalait erbaut und für die Stalait gedacht – das sah man auf den ersten Blick. Die Türrahmen niedrig, die Bänke kurz und hart, aus einem Stück gehauen, alles auf gedrungene Körper zugeschnitten, wie die Stalait sie nun einmal haben. Für einen Bamlait war jeder Eintritt ein kleines Kunststück: Schultern drehen, Kopf senken, Knie anziehen. Arlon kannte das. Er hatte sogar eine eigene Technik dafür. Und so unbequem die Bänke auch waren – er war jeden Morgen aufs Neue froh, hier sitzen zu dürfen. Lange Zeit war das nämlich gar nicht erlaubt gewesen; Bamlait-Kinder gehörten auf die Felder, in die Gärten, zu den Bäumen. Dass er heute zwischen viel zu kleinen Steinbänken die Schultern einklemmen durfte, war für Arlon kein Ärgernis. Es war ein kleines Glück.
Der Unterricht hatte längst begonnen. Vorn stand Frau Edeltraut, eine ältere Stalait-Lehrerin von jener Sorte, die schon immer dagewesen zu sein schien – die Schule kannte sie seit Ewigkeiten, und sie kannte ganz Ura seit Ewigkeiten; wahrscheinlich hatte sie schon die Eltern unterrichtet und davor deren Eltern. Sie hob eine Augenbraue, als Arlon hereinkam. „Was ist passiert?" Arlon öffnete den Mund. „Ach." Sie winkte ab, noch ehe ein Wort kam. „Du hast wieder verschlafen." Ein leises Kichern ging durch die Klasse. Arlon wurde rot, schob die Unterlippe über die Hauer, nickte und zwängte sich auf seinen Platz.
„Wir sind bei den Stannern", sagte Frau Edeltraut und tippte mit dem Zeigestock an die Tafel, wo Berge, Höhlen und Schmiedezeichen eingeritzt waren. „Arlon. Du warst zwar nicht da – aber vielleicht weißt du es trotzdem. Wer sind die Stanner?" Arlon blinzelte, sammelte sich – und sprach. Von den Stannern, einem alten Zwergenclan aus dem Gebirge, gedrungen und langlebig, mit Bärten, auf die Männer wie Frauen gleichermaßen stolz waren. Von langen Wintern tief im Fels, von verborgenen Hallen, von der Kunst, Metall nicht nur zu formen, sondern im Erz schon zu lesen, was darin steckt. Davon, dass sie ihre Höhlen nur verließen, wenn sie mussten – zum Handeln, um ihre Arbeiten zu zeigen. Als er endete, war es einen Moment still. Frau Edeltraut musterte ihn. „Na gut", sagte sie schließlich, und in ihrem strengen Blick zuckte etwas, das fast ein Lächeln war. „Wenigstens hast du nichts verpasst."
Dann legte sie den Zeigestock beiseite. Das tat sie selten, und es hieß: Jetzt kam etwas, das ihr wichtig war.
„Und merkt euch eines." Sie sah nicht zur Tafel, sondern in die Klasse, von den hinteren Reihen nach vorn. „Vor langer Zeit, als die Welt durcheinander war und die Menschen nicht wussten, wohin, da öffneten die Stanner ihnen ihre Hallen. Sie boten Schutz im Stein, teilten Feuer, Brot und ihre Kunst. Und über die Jahre, am selben Herd, an derselben Arbeit, waren es keine zwei Völker mehr. Das seid ihr Stalait: Menschen, die im Berg Heimat fanden, und Zwerge, die ihre Tür nicht zugehalten haben."
Sie machte einen Schritt zur Seite, hin zu den großen Kindern in den zu kleinen Bänken.
„Und draußen, auf den Straßen, geschah dasselbe noch einmal. Die Bammer, die fahrenden Gärtner, nahmen verirrte Menschen in ihre Karawanen, teilten Weg und Garten. Auch dort wuchs aus zweien eines – und das seid ihr Bamlait." Ihr Blick glitt über kräftige Schultern, über Hauer, über die grünstichige Haut, die im Morgenlicht beinahe wie junges Laub schimmerte. „Vom Schutz der einen, vom Weg der anderen. Verschieden? Gewiss. Aber an der Wurzel dieselbe Geschichte: Fremde, die zu Familie wurden, weil jemand die Tür nicht zugehalten hat. Den Stein und den Garten habt ihr nicht gegeneinander geerbt, sondern füreinander."
Sie ließ das einen Moment stehen. Dann, trockener: „Und wer das nächste Mal über die zu kleine Bank eines Mitschülers lacht, der hat in dieser Stunde nicht aufgepasst."
Ein paar Stalait-Kinder wurden rot. Arlon, in seiner viel zu kleinen Bank, saß auf einmal ein wenig gerader.
Während Frau Edeltraut weitersprach, driftete er ab – aber diesmal nicht weit. Er dachte an die Bammer, die noch immer irgendwo da draußen ihre Gärten von Ort zu Ort trugen, niemals ruhend, und daran, wie seltsam und schön es war, dass aus diesem ewigen Wandern ausgerechnet er entstanden war, der so gern blieb. Vielleicht, dachte er, war er deshalb so gern in dieser zu kleinen Schule. Weil sie stand. Weil sie blieb.
„Arlon." Keine Reaktion. „Arlon." Dann, lauter, von der halben Klasse zugleich – sein Name. Er fuhr zusammen, und das Kichern brandete erneut auf – doch ein Stück weit war es heute ein freundlicheres. „Pass auf", sagte Frau Edeltraut, ohne Schärfe, und wandte sich wieder der Tafel zu. Arlon hörte zu. Dieses Mal wirklich.
Und für den Rest der Stunde vergaß er sogar, dass die Bank zu klein war.