Das Städtchen Ura
Die Geschichte beginnt in Ura.
Ura liegt mitten in einem weiten Wald, dort, wo sich sanfte, bewaldete Hügel aneinanderlehnen und kleine Bäche und Rinnsale sich ihren Weg zwischen den Bäumen suchen. Keine große Stadt, keine Hauptstadt – ein Ort, der lebt, weil er schon so lange lebt, wie sich die Menschen erinnern können. Dächer aus dunklem Schiefer schmiegen sich aneinander, schmale Gassen winden sich zwischen Fachwerk und Stein, und über allem ragen alte Mauern auf, die man schon immer gekannt hat.
Am Morgen erwacht Ura leise. Im sanften Laternenschein laufen Schulkinder über das Kopfsteinpflaster, Taschen unter den Armen, Stimmen durcheinander – Lachen, Streit, Verabredungen für später. Sie kennen jede Abkürzung, jede lose Platte im Weg, jeden Vorsprung, auf den man springen kann, ohne sich den Knöchel zu brechen. Vorbei geht es an noch dunklen Schaufenstern und leeren Marktständen, an denen Händler bald ihre Waren auslegen werden: Brot, noch warm vom Ofen, getrocknete Kräuter, metallene Kleinteile, deren Zweck nicht immer sofort klar ist, und dazu, für jeden, der mit vollen Armen wieder geht, ein beiläufiges „Die Zwölfe mit dir" von der Bäckersfrau, das niemand mehr erklären könnte und das trotzdem jeder versteht. Beobachtet werden die Kinder von den stets anwesenden Wachen der Inquisition. Ihr Schrecken hat mit den Jahren an Schärfe verloren, und nur die Älteren erinnern sich – manche mit Stolz, manche mit Furcht – an das einstige Handeln dieser Ordnung. Heute wirken die Wachen nicht bedrohlich, eher wie ein Teil des Stadtbilds. Ihre Rüstungen glänzen matt, an manchen Stellen ausgebessert, an anderen alt. Sie beobachten mehr, als dass sie eingreifen. Wer hier lebt, weiß, wie man sich unter ihrem Blick benimmt – und wer es nicht weiß, lernt es.
Einst war in den Morgenstunden das Schnaufen und zufriedene Schmatzen der Zugtiere gut zwischen dem Stimmengewirr der Schüler zu hören. Heute steigt stattdessen langsam Rauch aus den einstigen Ställen auf. Dampfgetriebene Wagen werden dort vorbereitet – laut schnaufend, mit klobigen Kesseln und Rädern aus Metall –, bereit, bald durch die erwachende Stadt zu rollen. Sie riechen nach Öl und heißem Eisen und ziehen noch immer neugierige Blicke auf sich. Manche Kinder bleiben stehen und zählen die Zischlaute, andere halten sich die Ohren zu. Die Alten schütteln die Köpfe – und schauen doch hin. Immer schauen sie hin. Über den Markt hinweg sieht man die ewigen Ruinen. Niemand weiß genau, wie lange sie schon dort stehen. Viele tragen vage Erinnerungen in sich, weitergegeben durch Erzählungen – Erinnerungen an Erinnerungen alter Verwandter. Bilder von prachtvollen Momenten, von Leben im Überfluss. Doch niemand weiß es wirklich, und kaum jemand hinterfragt es. Diese Erinnerungen sind so selbstverständlich und unbeweglich geworden wie die Ruinen selbst.
Ein halber Bogen aus fremdartigem und zugleich vertrautem Stein thront mitten in alten Gärten, umgeben von uralten, eigenwillig gewachsenen Wanderolivenbäumen, die nun schon seit Generationen dort verwurzelt sind. Bevor ihre Wurzeln tief in die Erde griffen, war der Bogen noch vollständig – so erzählt man es sich zumindest. Beim Anlegen der Gärten ist er eingestürzt, mutwillig oder unverschuldet, das weiß heute niemand mehr genau. Danach, so geht die Geschichte, brannten die ältesten Bäume, und die zwei ältesten Familien Uras gerieten in einen Streit, der zum Krieg wurde – so laut, dass sein Klirren angeblich durch den ganzen Wald und über viele Täler hallte. Erst da kam die Inquisition nach Ura und beendete ihn, schnell und auf eine Art, von der die Alten bis heute nicht gern erzählen. Das liegt lange zurück. Geblieben ist sie trotzdem, heute nur noch mit wenigen Wachsoldaten, aber stets da.
In Ura schlummern viele Geschichten. Manche wurden lange nur geflüstert, aus Angst vor der Inquisition, und ihr Nachhall wirkt bis heute – auf die Nachkommen jener zwei ältesten Familien und auf alle, die hier leben. Die eine waren die Stalait: Menschen, deren Körperbau und Handwerkstradition an die alten Steinbewohner erinnern, und die die ersten Häuser um die Ruinen errichteten, in der Hoffnung, ihnen eines Tages ebenbürtig zu bauen. Die andere waren die Bamlait: größer, kräftiger, aus den tiefen Wäldern stammend, wandernde Familien, die seit Generationen fruchtbaren Boden suchten und ihn hier fanden – während manche ihrer Sippen bis heute unterwegs sind. Wo unterschiedliche Träume aufeinandertreffen, entsteht Raum für Streit. So war es damals. Und so ist es, auf leise Weise, auch heute noch.
Während die Stadt erwacht, schläft westlich der Ruinen, dort, wo die Gärten in den Wald übergehen, noch ein einziges Haus in aller Ruhe. Eine kleine Hütte am Waldrand, kaum größer als die Ställe, aus denen inzwischen Dampf statt Tierlärm steigt. Drinnen, unter einer viel zu kurzen Decke, liegt ein Junge, der von alldem noch nichts weiß – weder von den Ruinen noch vom Krieg, den sie einst verursacht haben, noch davon, dass die Stadt um ihn herum längst wach ist.
Sein Name ist Arlon.