Kapitel 3 - Pause und Standpauke

Kapitel 3 - Pause und Standpauke

Der Schlag der Pausenglocke kam scharf und eindeutig, und mit ihm löste sich der ganze Klassenraum in Bewegung auf: Stühle rutschten, Hefte klappten zu, Stimmen brachen aus der mühsam gehaltenen Stille hervor wie Wasser aus einem geöffneten Ventil. Fast alle waren sofort auf den Beinen. Arlon nicht. Er saß noch da, den Blick leicht gesenkt, während in seinem Kopf ein paar Jahreszahlen freundlich durcheinanderspazierten. War das mit den ersten Dampfwagen vor oder nach dem großen Markttag gewesen? Und der Winter mit dem zugefrorenen Bach – lag der davor oder danach? Er schüttelte kaum merklich den Kopf, so wie man eine Fliege verscheucht, und ließ die Frage ziehen. Als er schließlich aufstand, schob er seinen Stuhl ordentlich an den Tisch – eine Kleinigkeit, die ihm einmal ein knappes, anerkennendes Nicken der Lehrerin eingebracht hatte und seither zur Gewohnheit geworden war. Seine großen Füße stießen beinahe gegen die Tischbeine. Er war daran gewöhnt.

Auf dem Gang war es schon leerer als sonst. Die Stimmen entfernten sich Richtung Hof, ein Strom, der ihn diesmal nicht mitgenommen hatte.

Keiner hatte gewartet.

Ein kleines Ziehen setzte sich in ihm fest, als er auf den Schulhof trat. Da – eine Gruppe aus seiner Klasse. Er hob die Hand. Doch einer sah kurz herüber und ging weiter, die anderen folgten. „Na, wieder am Träumen?" Die Stimme kam von der Seite, mehr frech als böse. „Wir haben gewartet. Ganze drei Minuten!" Ein paar lachten. Arlon öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Etwas Kluges wollte er sagen, aber die Worte blieben, wo sie waren. Die Gruppe schlenderte davon. Er stand einen Moment zwischen den anderen Kindern und fühlte sich auf einmal sehr groß und sehr allein zugleich.

Dann klatschte etwas gegen seine Schulter. „He. Nicht so hängen lassen." Lirya. Eine Stalait aus seiner Klasse, kurze dunkle Haare, ein schiefes Grinsen, das so tat, als hätte sie längst alles gesehen und nichts davon ernst genommen. „So schlimm war das nicht", sagte sie und winkte ab. „Die reden schneller, als sie denken." Und ohne ihm Zeit zum Antworten zu lassen, sprudelte sie los: von zwei aus der oberen Klasse, die sich gestritten hätten; davon, dass angeblich jemand im Wald „irgendwas" gesehen haben wollte; von Freundschaften, die heute geschlossen und morgen wieder aufgekündigt würden. Typisches Hofgebrabbel. Arlon hörte zu, nickte, und sein Kopf kam langsam wieder an. Da brach Lirya mitten im Satz ab. „Oh", sagte sie leise. „Jetzt wird's unangenehm."

Arlon wusste auch ohne Hinsehen, warum. Die Zwillinge. Thalia vorneweg, Torma einen halben Schritt dahinter, gleicher Schritt, gleicher ernster Blick, zwei Jahre älter und an diesem Morgen offenbar zu Richtern bestellt.

„Schon wieder zu spät", sagte Thalia ohne Einleitung. „Du weißt, wie das aussieht", ergänzte Torma. „Die Lehrer reden." „Und die anderen auch." „Du wirfst kein gutes Licht auf uns."

Eine Standpauke, ruhig, abwechselnd, perfekt einstudiert und ohne jede Lautstärke – und genau deshalb kaum auszuhalten. Arlon senkte den Blick und sagte nichts. Hinter ihm trat Lirya einen Schritt zurück, verschränkte die Arme und schwieg mit einer Miene, die deutlich sagte: Familiensache, da halt ich mich raus. Als die Zwillinge sich endlich abwandten, löste sich die Spannung wie ein zu fest gezogener Knoten.

„Los", sagte Lirya plötzlich, trat ihm leicht gegen den Hintern – nicht fest, aber eindeutig – und grinste. „Rennen wir." Arlon lachte auf, keuchend, und rannte los, als hätte er an diesem Morgen nicht schon genug gerannt. Aber er brauchte jetzt genau dieses kleine bisschen Wildheit.

Während sie über den Hof liefen, fing Arlon im Vorbei ein paar Wortfetzen auf. Torma war zu seinen Freunden gestoßen – einem Bamlait, laut und sportlich, und einem Stalait-Jungen mit ehrgeizig sprießendem Flaum am Kinn. Die drei standen wieder einmal in jenem ewigen Streit, den die Jungen von Ura nie ganz beilegten. „Hauer sind ehrlicher", sagte der Bamlait und entblößte grinsend die seinen. „Da sieht man von Weitem, woran man ist." „Ein Bart zeigt Reife", konterte der Stalait und strich sich stolz über die paar Härchen, als wären sie schon drei Generationen Stammbaum. „Hauer zeigen Stärke." „Ein Bart zeigt Geduld." Arlon grinste im Vorbeilaufen. Beide hatten unrecht, fand er, und beide hatten recht – so wie immer in Ura.

Ein paar Schritte weiter sah er Thalia. Sie stand bei einem älteren Stalait-Jungen mit vollem, geflochtenem Bart, lachte leise und wurde dabei ein wenig rot. Arlon schlug einen weiten Bogen. Dieses Gespräch wollte er wirklich nicht hören. Außer Atem blieb er schließlich neben Lirya stehen. „Beeindruckend koordinierte Standpauke", keuchte er. Lirya prustete los. „Wie immer bestens einstudiert." Sie lachten, mitten auf dem Hof.

Dann läutete die Glocke erneut, und der Unterricht begann – diesmal pünktlich. Anschauliche Mathematik: Der Lehrer zeichnete Kessel, Kolben und Ventile an die Tafel und erklärte, wie aus Hitze Druck wurde und aus Druck Bewegung. Arlon hörte zu, Lirya auch. Der Rest des Tages verlief ruhig.

Nach dem Unterricht gingen sie ein Stück gemeinsam, Stalait und Bamlait bunt durcheinander. Lirya wohnte in derselben Straße wie Arlon. An der Abzweigung blieb sie stehen. „Bis morgen", sagte sie. „Bis morgen", antwortete Arlon.

Dann folgte er seinen Geschwistern in den Hof. Die schwere Hoftür stand einen Spalt offen. Thalia und Torma gingen voran, Arlon trat als Letzter ein und stieß die Tür hinter sich zu. Sie fiel dumpf ins Schloss.

Er atmete tief durch. Denn er wusste: Die Standpauke war noch lange nicht vorbei.

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