Kapitel 4 - Die Wohnküche

Kapitel 4 - Die Wohnküche

Die Wohnküche war kein Raum, den man betrat – sie nahm einen auf. Ein großer, offener Bereich, in dem der Boden von Generationen glattgelaufen war, Rauchspuren an den Balken hingen und jeder Tisch schon einmal alles gewesen war: Werkbank, Esstafel, Ablage, Krankenlager, Spielplatz. Hier wurde gekocht, gestritten, gelacht, repariert und manchmal geschwiegen. Meistens alles auf einmal.

Die Tür flog auf. Thalia und Torma waren die Ersten. Wie immer.

Sie schossen quer durch den Raum, direkt auf den großen Tisch zu, an dem ihr Vater saß. Jorin hatte sich über ein seltsames Gebilde aus Holz, Draht und Metall gebeugt; zwischen Schrauben, Federn und einem verbogenen Schneebesen ragte etwas hervor, das gleichzeitig rühren, schlagen und explodieren zu wollen schien. Er arbeitete seit Tagen daran. „Also wirklich", begann Thalia ohne Punkt und Komma – „– man kann doch nicht jeden Morgen einfach verschlafen –", setzte Torma nahtlos fort, „– als wäre die Zeit etwas Freiwilliges", beendeten sie gemeinsam. Jorin hob nicht den Kopf. Nur eine Augenbraue. „Er war wieder der Letzte", sagte Thalia. „Geschniegelt wie ein Igel nach dem Regen", ergänzte Torma. Die zweite Augenbraue zuckte. Arlon stand am Rand des Raumes, die Schulmappe schief von der Schulter, und ließ es über sich ergehen wie Regen, der ohnehin nicht aufhört. Jorin legte das Werkzeug langsam beiseite. Sehr langsam. Drehte sich um. Sah Arlon an. Öffnete den Mund –

WUMM.

Der dumpfe Schlag ließ den Tisch erzittern. Frika, Arlons Mutter, war eingetreten und hatte mit einem einzigen kräftigen Schwung eine tote Ziege auf die Tischplatte geworfen. Das Tier lag da, schwer und endgültig. „Das Essen muss vorbereitet werden", sagte sie nüchtern.

Ein schriller Schrei zerriss die Stille.

„NEIN! NATASCHA!"

Mira, die Jüngste, stürzte aus einer Ecke hervor, Tränen in den Augen, die Hände zu Fäusten geballt. Frika sah sie ruhig an. „Du sagst seit Stunden, dass du Hunger hast." „Aber Natascha war meine beste Freundin!" „Es ist eine Ziege. Und wir wollen essen." „Du tötest immer meine besten Freunde!" Mira stampfte auf. „Letzte Woche war es Hannes! Und davor Joachim!" Frika seufzte und rollte mit den Augen. „Du sollst den Tieren keine Namen geben. Das hier ist ein Hof, kein Kinderchor." Mira hielt dem Blick ihrer Mutter stand. „Dann ist Angie als Nächste dran", murmelte sie trotzig und schielte zum Fenster. „Ganz bestimmt. Angie weidet da draußen."

Alma, die Großmutter, hob den Kopf von ihrem Stuhl am Ofen. „Angie?", fragte sie mild. „Ist das nicht das Nachbarskind?" Frika hielt inne. „Ich werde ganz gewiss kein Nachbarskind schlachten." Alma nickte langsam. Dann lachte sie, kurz und trocken. „Gut. Das wäre sonst kompliziert geworden." Und damit war das Thema, in leichter allgemeiner Verwirrung, beendet.

Frika griff nach einem scharfen Messer, routiniert und sicher, und begann, die Ziege zu zerlegen, als wäre es nur ein weiterer Handgriff des Tages. Jorin stand auf, schob sein unfertiges Küchengerät entschlossen beiseite und setzte Wasser auf. „Ich kümmere mich ums Feuer", sagte er – keine Frage, eine Entscheidung. Der Raum kam in Gang wie ein gut geöltes Getriebe: Torma sortierte Holzschalen, Thalia stellte Becher bereit und reichte ihrer Mutter wortlos ein Tuch, Arlon trug Teller heran, stellte sie ab, nahm sie wieder auf, weil sie noch nicht ganz richtig standen. Alma schälte langsam Wurzeln am Ofen, jede Bewegung bedächtig, als folgte sie einem inneren Rhythmus, und summte dabei etwas, das niemand erkannte.

Nur Mira stand mitten im Raum, die Hände hinter dem Rücken, den Blick zu wach, zu ruhig. Sie wartete. Und dann rief sie, laut und klar:

„Thalia ist in Eran verliebt!"

Der Raum erstarrte. Alma lachte als Erste. „Ach, wie schön. Junge Liebe im Haus." „Mira!", fuhr Thalia herum. „Und sein Bart ist auch schon richtig mächtig!", setzte Mira begeistert nach. „MIRA!" Alma legte den Kopf schief. „Ein Stalait-Junge also?" „Alma", sagte Jorin warnend, ohne sich umzudrehen.

Doch Alma hatte den Faden schon aufgenommen und ließ ihn nicht mehr los. „Die mit den Fackeln", murmelte sie und richtete sich auf ihrem Stuhl auf. „Die, die so gern Bäume verbrennen." „Großmutter—", begann Frika. „Ich habe gesehen, wie die Bäume gebrannt haben!", erklärte Alma mit einer Entschiedenheit, als spräche sie von gestern Nachmittag. „Mein Vater hat noch das Feuer gelöscht und ist dann losgezogen, um gegen sie zu kämpfen. Drei Kämpfer der Inquisition brauchte es, um ihn aufzuhalten. Drei!" Sie hob drei Finger in die Luft, als wäre das die Pointe einer guten Geschichte und nicht das Ende einer schlimmen.

„Willst du, dass wir die Inquisition im Haus haben?", fragte Jorin, ruhig, aber mit Nachdruck.

Alma winkte ab, als verscheuche sie eine Mücke. „Außerdem", sagte Frika trocken und ohne vom Messer aufzusehen, „hast du den Vater dieses Jungen großgezogen." Alma hielt inne. Dann nickte sie tief zufrieden. „Ja. Und genau deshalb kenne ich diesen Bengel ganz genau."

„Hört doch auf", sagte Thalia leise, und ihre Stimme verlor auf einmal allen Trotz. „Es ist ja so peinlich. Und … wir wissen doch noch gar nicht, ob er mich überhaupt mag." Sie sah zu Boden. „Vielleicht bin ich ihm ja gar nicht gut genug."

Alma beugte sich vor, plötzlich ganz Verschwörerin. „Nicht gut genug?" Sie schnaubte. „Warum sollte er dich nicht mögen? Bist etwa du nicht gut genug für ihn?" Thalia errötete bis in die Haarspitzen und wusste schon nicht mehr, ob das nun ein Trost gewesen war oder das Gegenteil. „Pah!", fuhr Alma fort und richtete sich kämpferisch auf, ehe jemand antworten konnte. „Ich werde seinem Vater, diesem Bengel, schon sagen, dass unsere Familie – die ja auch seine Familie ist – gefälligst gut genug zu sein hat!"

Einen Moment lang versuchten alle, dieser Logik zu folgen. War nun Thalia zu gut, der Junge zu gut, oder am Ende ohnehin alle miteinander verwandt? Ehe jemand es entwirren konnte, war Alma schon weitergewandert – zurück zu Fackeln und Orden und Männern mit kalten Augen – und murmelte etwas von „den Verführten", als hinge das alles ganz selbstverständlich zusammen.

„Es reicht", sagte Jorin. Nicht hart. Eher müde, wie jemand, der diese Fahrt schon oft mitgefahren ist.

„Die Verführten?" Miras Stimme platzte hell und neugierig dazwischen. „Was sind denn die Verführten?"

Für einen winzigen Moment wurde es eine Spur stiller. Frikas Messer hielt inne, nur einen Atemzug lang, dann schnitt es weiter. Und Alma, eben noch ganz Sturm und Empörung, wurde mit einem Mal ruhig – so unvermittelt, dass es fast beunruhigender war als ihr Toben. „Manche Worte", sagte sie leise, „sind zu schwer für eine Küche, in der gerade gekocht wird." Sie stand mühsam auf, ging zum Bücherregal und ließ die Finger über die alten Rücken gleiten, bis sie an einem dicken Band hängen blieben. Sie zog ihn heraus und hielt ihn einen Moment, als wöge er mehr als nur Papier. Auf dem Einband verschlangen sich Stein und Holz ineinander, und auf dem Rücken stand schlicht: Eine Geschichte von Ura.

„Das hier", sagte Alma, „haben wir Alten gemacht, damit nichts verlorengeht. In Bildern – die sind für euch, solange ihr klein seid. Und in Worten, die warten, bis ihr bereit seid." Mira nahm das Buch ehrfürchtig entgegen und schlug es auf. Ihre Finger glitten über Zeichnungen: über Bögen und Gärten, über brennende Formen und verschlungene Linien, die sie nicht verstand und die ihr trotzdem wichtig vorkamen.

Arlon stand still daneben. Er kannte dieses Buch. Jede Seite. Während Thalia und Torma es immer nur hatten kennen müssen, hatte Arlon es gelesen, wieder und wieder, und für ihn war es nie ein Gewicht gewesen, sondern ein Schatz: Wissen, das blieb.

Alma legte Mira die Hand auf den Kopf und strich einmal über das Haar. Ihr Blick war warm – und für einen Augenblick ein wenig fern, als sähe sie durch die Seiten hindurch etwas, das dort nicht gedruckt stand. Dann, schon im nächsten Atemzug, hellte ihre Miene wieder auf. „So", sagte sie munter und klatschte in die Hände. „Wer von euch Bengeln deckt jetzt den Tisch?"

Der Herd knisterte. Das Wasser begann zu singen. Und zwischen Bildern, die noch niemand verstehen musste, und Worten, die noch warten durften, schloss sich der Abend langsam und ganz sanft um sie alle.

Weiter zu Kapitel 5 - Die Verführten →