Kapitel 5 - Die Verführten

Kapitel 5 - Die Verführten

In dieser Nacht fand Arlon keinen Schlaf.

Das war ungewöhnlich, denn Schlaf war eines der wenigen Dinge, die Arlon mühelos gelangen. Er konnte überall schlafen: auf zu kurzen Bänken, im Gras, einmal sogar im Stehen, an eine warme Stallwand gelehnt, bis Angie ihm die Mütze vom Kopf gefressen hatte. Doch heute lag er wach, die Decke bis zur Nase, nur die Füße im Freien, und über ihm im Dunkeln spazierte ein einziger Satz hin und her, immer dieselbe Runde, und wollte sich nicht legen.

Was sind denn die Verführten?

Mira hatte gefragt, hell und neugierig, so wie sie alles fragte. Und der Raum war für einen Atemzug stiller geworden, Frikas Messer hatte innegehalten, und Alma, eben noch ganz Sturm, war auf einmal ruhig geworden – so unvermittelt ruhig, dass es Arlon mehr erschreckt hatte als alles Toben zuvor. *Manche Worte sind zu schwer für eine Küche, in der gerade gekocht wird.* Dann das Buch, und Miras Finger auf den brennenden Formen, und der Abend, der sich sanft um sie alle geschlossen hatte wie eine warme Hand.

Aber eine warme Hand hält auch fest. Und Arlon lag wach.

Schließlich gab er auf. Vorsichtig schob er die Füße auf den kühlen Boden, und die Dielen, die jeden im Haus verrieten, verrieten auch ihn – nur leiser, als wüssten sie, dass jetzt Nacht war. Im großen Raum glomm der Ofen noch, ein müdes, rotes Glimmen, und auf dem Tisch, wo die Ziege gelegen hatte und längst das Abendbrot gewesen war, lag das Buch. *Eine Geschichte von Ura.* Mira hatte es offen liegen lassen, wie Kinder Dinge liegen lassen, die ihnen wichtig sind und die sie gerade nicht mehr tragen können.

Arlon kannte dieses Buch. Jede Seite. Während Thalia und Torma es immer nur hatten kennen müssen, hatte er es gelesen, wieder und wieder, und für ihn war es nie ein Gewicht gewesen, sondern ein Schatz. Die Bilder kannte er auswendig: die Bögen, die Gärten, die verschlungenen Linien. Aber unter den Bildern standen die Worte, die warten, und die hatte er zwar gelesen, oft sogar, doch verstanden hatte er sie nie ganz. Sie waren wie ein Lied in einer Sprache, die man fast spricht.

Heute las er sie anders. Heute suchte er.

Und er fand das Wort. Es stand mitten auf einer Seite, an der die brennenden Formen rankten, schlicht und ohne Erklärung, als hätte derjenige, der es geschrieben hatte, gehofft, es würde nie ein Kind danach fragen müssen.

*Die Verführten.*

„Du wirst es da nicht finden."

Arlon zuckte zusammen. Am Ofen, in ihrem Stuhl, saß Alma. Sie hatte die ganze Zeit dort gesessen, reglos im roten Halbdunkel, und er hatte sie nicht bemerkt – oder sie war eben erst da gewesen, man wusste das bei Alma nie so genau. Ihre Augen waren wach. Wacher, als alte Augen mitten in der Nacht sein sollten.

„Setz dich, Bengel", sagte sie und klopfte auf den Schemel neben sich. „Wenn die Frage dich schon nicht schlafen lässt, dann soll sie es wenigstens in Wärme tun."

Arlon setzte sich. Eine Weile sagte keiner etwas. Der Ofen knackte, draußen rief ein Vogel, der zu dieser Stunde nichts zu rufen hatte, und verstummte wieder.

„Ich war so klein wie Mira", begann Alma schließlich, „als ich zum ersten Mal Bäume brennen sah."

Sie erzählte langsam, ohne ihren sonstigen Schwung, ohne die Pointen, die sie sonst so liebte. Von einer Zeit, in der die Bammer noch häufiger durch die Wälder um Ura zogen, ihre Gärten von Ort zu Ort, und wo sie rasteten, etwas zum Blühen brachten. Von Hainen, die ihnen heilig waren, alt und still und voller Vögel. Und dann von den Männern, die eines Sommers kamen, mit Fackeln und mit ruhigen, freundlichen Stimmen.

„Das ist es, was kaum jemand glaubt", sagte Alma. „Sie schrien nicht. Sie drohten nicht. Sie kamen und sagten, sie brächten Ordnung. Sie brächten Heilung. Sie sagten, die Welt sei einmal zerbrochen, lange vor uns, und damit sie nie wieder zerbreche, müsse manches verschwinden. Ein paar alte Bäume. Ein paar alte Lieder. Ein kleiner Preis, sagten sie, für die Sicherheit aller." Sie sah ins Feuer. „Und das Schreckliche ist, Arlon: Manche glaubten ihnen. Hier. In Ura. Menschen, die ich kannte, gingen zu ihnen hinüber, ganz aus freiem Willen, und halfen, die Haine niederzubrennen, in denen sie als Kinder gespielt hatten. Sie hielten selbst die Fackeln."

„Warum?", fragte Arlon leise.

„Weil man ihnen etwas versprochen hatte." Alma faltete die alten Hände im Schoß. „Stell dir vor, in dir wohnte mehr als eine Stimme. Nicht laut, nicht verrückt – einfach mehr als eine. Eine, die bleiben will, und eine, die wandern will. Eine, die heute ist, und eine, die sich an etwas erinnert, das du selbst nie erlebt hast. Die meisten Menschen tragen diese Stimmen ihr Leben lang in sich, ohne je darüber nachzudenken, so wie du atmest, ohne darüber nachzudenken." Sie machte eine kleine Pause. „Und nun stell dir vor, jemand käme und sagte: *Das ist dein Unglück. Diese zweite Stimme, das ist der Riss in dir. Gib sie mir, und ich mache dich ganz.*"

Arlon dachte nach. „Und – macht es einen ganz?"

„Es macht einen *still*", sagte Alma. „Das ist nicht dasselbe, auch wenn es sich eine Weile so anfühlt. Sie brachten die eine Stimme dazu, die andere für immer zu überschreien. Und ein Mensch, in dem nur noch eine Stimme schreit und die andere verstummt ist – der hält dir die Fackel, wenn du es ihm sagst. Der ist stark, und sicher, und furchtbar einsam, und er merkt von alldem nichts. Das, Bengel, sind die Verführten. Nicht Ungeheuer. Menschen, die einen Tausch gemacht haben, von dem sie dachten, er mache sie heil."

Es war still. Arlon merkte, dass er die Hände um die Knie geschlungen hatte, ganz fest.

„Und dein Vater?", fragte er. „Du hast erzählt, er hat erst das Feuer gelöscht."

Almas Mundwinkel zuckte, halb Stolz, halb etwas anderes. „Erst das Feuer", sagte sie. „Immer erst das Feuer. Was brennt, das löscht man, ehe man streitet – das war seine Art. Und dann ist er losgezogen, gegen sie, allein, und es brauchte drei Kämpfer der Inquisition, um ihn aufzuhalten. Drei." Sie hob, ganz wie an jenem Abend, drei Finger in die Luft. Doch diesmal lachte sie nicht dabei.

Arlon sah sie an, dieses kleine, alte Gesicht im roten Licht, und in ihm wuchs eine Frage, größer als alle anderen, und sie kam heraus, ehe er sie aufhalten konnte.

„Alma – woher weißt du das alles?"

Und da geschah etwas, das Arlon noch lange beschäftigen sollte.

Alma antwortete nicht. Nicht sofort, und nicht so, wie sie sonst antwortete – mit einem Scherz, einer Abschweifung, einem „ach, Bengel". Sie wurde still. Ihr Blick blieb auf dem Feuer, aber er ging hindurch, durch die Glut und durch die Wand dahinter, durch etwas, das Arlon nicht sehen konnte und von dem er auf einmal sicher war, dass es weit, weit entfernt lag. So lange, dass die Stille schwer wurde. So lange, dass Arlon den eigenen Herzschlag hörte.

Auf dem Tisch stand eine Kerze, längst heruntergebrannt, die Flamme ein ruhiges, gerades Strichlein. Und während Alma schwieg, neigte sich diese Flamme. Ganz langsam, ganz sacht, zur Seite – obwohl kein Fenster offen stand, obwohl kein Hauch durch den Raum ging, obwohl nichts, gar nichts sich rührte. Sie neigte sich, als lausche sie in dieselbe Ferne wie Alma.

Und Arlon glaubte, ein Wort zu hören. Nur eines, leise, dicht an seinem Ohr, in einer Stimme, die er nicht kannte und die doch klang, als kenne sie ihn. Er verstand es nicht. Es war kaum mehr als ein Hauch. Aber es war da gewesen, das wusste er, so sicher er je etwas gewusst hatte – und im selben Augenblick, als er sich danach umwandte, war es fort, und die Kerze stand wieder gerade, und der Raum war nur ein Raum.

„Alma?", flüsterte er.

Sie kehrte zurück. Man sah es richtiggehend, wie sie zurückkam, aus der Ferne in den Stuhl, in die Nacht, in die kleine Hütte am Waldrand. Und dann lächelte sie, warm und ein wenig müde, und legte ihm die Hand auf den Kopf, so wie sie es bei Mira getan hatte, und strich einmal über das Haar.

„Das", sagte sie, „erzähle ich dir, wenn du bereit bist, es zu hören."

„Bin ich das nicht?"

„Noch nicht." Es lag keine Härte darin, eher etwas wie Zärtlichkeit, und vielleicht eine Spur Trauer. „Aber bald, glaube ich. Eher, als mir lieb ist." Sie sah zur Tür hinüber, zum Wald dahinter, den man nicht sah und doch immer spürte. „Der Bogen ist nicht kaputt, Arlon", sagte sie leise, und dieses eine Mal sagte sie es nicht in die Runde, nicht zur Verzierung einer ihrer Geschichten, sondern allein zu ihm, Auge in Auge. „Er wartet nur. Wie so vieles hier wartet. Und das Warten geht zu Ende."

Dann, schon im nächsten Atemzug, war sie wieder die alte Alma. „So", sagte sie und klopfte ihm auf die Schulter. „Und jetzt schläfst du. Ein Kopf, der nachts grübelt, ist am Morgen zu nichts zu gebrauchen, und ich kenne mindestens einen Bengel, der morgens ohnehin schon zu nichts zu gebrauchen ist."

Arlon lächelte trotz allem. Er stand auf, ging die paar Schritte zu seinem Lager, und während er die Decke wieder bis zur Nase zog, hörte er Alma im Stuhl etwas summen, leise, das alte Lied, das niemand erkannte. Und merkwürdigerweise legte sich jetzt der Satz, der ihn die ganze Nacht nicht hatte schlafen lassen, ganz von selbst. Vielleicht, weil er eine Antwort hatte. Vielleicht, weil eine viel größere Frage an ihre Stelle getreten war und müder machte als jede Antwort.

Arlon schlief. Endlich, und tief, und ohne Träume – oder mit einem, an das er sich nicht erinnern würde.

Und genau deshalb hörte er weder den Hahn noch die Dampfwagen.

„Er schläft immer noch."

„Natürlich schläft er noch."

Die Stimmen kamen von sehr nah und sehr oben. Arlon kniff ein Auge auf. Über ihm, gegen das viel zu helle Morgenlicht, zwei vertraute Umrisse, gleicher Stand, gleicher Blick: Thalia und Torma, bereits fertig angezogen, die Mappen geschultert, und auf ihren Gesichtern jener Ausdruck, den nur Geschwister zustande bringen – halb Vorwurf, halb etwas, das sie niemals Fürsorge nennen würden.

„Aufstehen", sagte Thalia.

„Sofort", sagte Torma.

„Heute nicht."

„Heute kommst du nicht zu spät."

„Nicht noch einmal."

„Wir gehen zu dritt."

Arlon brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass das keine Standpauke war. Oder doch eine – aber eine, die ihn mitnahm, statt ihn zurückzulassen. Ehe er recht wach war, hatte Thalia ihm die Hose zugeworfen und Torma das Brot in die Hand gedrückt, eine Scheibe, schon geschmiert, und draußen war der Morgen voller Lärm und Licht und dem Geruch von Holzrauch und heißem Eisen, ganz wie an jedem Morgen, und doch ein klein wenig anders.

Sie liefen zu dritt über das Kopfsteinpflaster, Thalia vorneweg, Torma einen halben Schritt dahinter, und Arlon in der Mitte, das Brot zwischen den Hauern, die kleinen Stoßzähne, die das so praktisch machten. An der Straßenecke stand der Wachmann, sah die drei kommen, sah Arlon – mitten zwischen den Geschwistern, pünktlich, beinahe würdevoll – und hob überrascht eine Augenbraue.

„Na", brummte er. „Was ist *heute* passiert?"

Arlon wollte antworten. Doch er merkte, dass er es nicht konnte, nicht in Worten, die ein Wachmann an einer Straßenecke verstanden hätte. Vergangene Nacht hatte sich etwas geneigt, ganz langsam, ganz sacht – eine Flamme, ohne Wind, in einem stillen Raum. Und es war noch nicht wieder ganz gerade.

Also tat er das Einzige, was zu tun blieb. Er zuckte mit den Schultern, schob die Unterlippe über die Hauer und ließ sich von seinen Geschwistern weiter Richtung Schule schieben.

Pünktlich. Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Und über den Dächern, in der Ferne, stand der Große Bogen im Morgenlicht und wartete, wie er seit jeher wartete – nur dass an diesem Morgen, zum allerersten Mal, jemand in Ura ihn ansah und zurückwartete.

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