Stille Blicke
Der Winter legte sich über Ura, wie er es jedes Jahr tat, und doch war es diesmal anders, oder Arlon bildete es sich zumindest ein. Schnee türmte sich an den Dächern, dick genug, dass die Kinder Tunnel hineingruben, die die Eltern jeden Morgen aufs Neue verboten und jeden Nachmittag stillschweigend duldeten. Der Marktplatz fror zu einer glatten, glitzernden Fläche, auf der die Dampfwagen vorsichtiger fuhren als sonst, und über den Ruinen hing manchmal, an besonders klaren Abenden, ein Dunst, der aussah wie Atem. Es lebte, als hinge Leben davon ab, und vielleicht tat es das.
Die Reisevorbereitungen begannen leise, so leise, dass niemand hätte sagen können, wann genau sie angefangen hatten. Auf Frikas Liste, zwischen „Mehl" und „Nägel", stand plötzlich eine unterste Zeile: Vorräte für unterwegs. Niemand kommentierte sie. Jorin begann, an einem Traggestell zu arbeiten, das er, gefragt, wortreich als „bloß eine Reparatur für den Schuppen" bezeichnete, obwohl es unverkennbar genau die Größe und Form hatte, die ein Kind auf langer Reise brauchen würde. Die Zwillinge nahmen es sich vor, Arlon Pünktlichkeit beizubringen, mit einer Ernsthaftigkeit, die an Militär grenzte, und übten mit ihm, auf die Minute genau an einem vereinbarten Ort zu sein, „weil man das können muss, wenn man reist, und du kannst es einfach nicht." Die Familie hatte nie beschlossen, dass Arlon gehen würde. Sie hatte nur, jeder für sich und alle gemeinsam, angefangen zu packen.
An einem dieser stillen Nachmittage ging Arlon allein durch das Haus.
Er tat es ohne besonderen Grund, sagte er sich, aber er wusste, dass das nicht ganz stimmte. Er strich mit der Hand über den Türrahmen der Küche, an dem Jorin einmal, vor Jahren, mit einem Messer die Größen aller Kinder eingeritzt hatte. Er stand eine Weile im Hof, dort, wo der Streuner immer gelegen hatte, und dann in der Scheune, wo Angie ihn missmutig musterte, als wüsste sie genau, was er dachte. Er ging sogar bis zur Schule, stand vor dem Fenster und sah auf seine alte, zu kleine Bank, in der er sich jahrelang zusammengedrückt hatte, und zum ersten Mal dachte er nicht daran, wie unbequem sie war, sondern daran, wie oft er in ihr gesessen und aus dem Fenster geträumt hatte. Er nahm nichts mit von alldem. Er wollte es nur einmal richtig ansehen, bevor es zu etwas wurde, das er vermisste.
Almas Unterricht wurde in diesen Wochen härter, gründlicher. Sie setzte sich mit Arlon und Lirya an den Küchentisch und legte eine alte, brüchige Zeichnung zwischen sie – verschlungene Linien, die auf den ersten Blick nichts als Verzierung waren. „Zählt", sagte sie nur. Arlon zählte laut mit, verhaspelte sich beim siebten Atemzug und fing von vorn an. Lirya sagte gar nichts dazu – sie hatte das Muster längst gesehen, eine Wiederholung, die sich alle elf Linien wieder schloss, und wartete nur höflich, bis Arlon selbst darauf kam. Alma sah das, und etwas in ihrem Gesicht, das fast wie Stolz aussah, blieb unausgesprochen. Sie sprach von dem Eisen, das manche Menschen in sich tragen und das sie hart und taub macht für alles, was von außen zu ihnen spricht. „Zwingt nichts", sagte sie immer wieder, wie eine Melodie, die sich einprägen sollte. „Fragt. Und lasst euch antworten." Auf eine direkte Frage, was mit denen geschehe, die es doch täten, antwortete sie nur mit einer Gegenfrage, die keine Antwort war, und war schon beim nächsten Thema, bevor Arlon nachhaken konnte.
Die Nachwirkungen jener Nacht am Bogen blieben, dünner jetzt, hinter dem schwarzen Riss verborgen, aber spürbar, wie ein Nachhall, der sich nicht ganz legen wollte. Und in diesem Nachhall lebte etwas, das nur Lirya wirklich gehörte: Das Lied, das sie in jener Nacht beantwortet hatte, kannte jetzt ihren Namen. Es sang ihn, manchmal, wenn es ganz still war, behutsam, Silbe für Silbe, wie man einen Namen lernt, den man liebhalten will. Es war nicht mehr nur ein Lied. Es war ihrer.
Und für eine Weile, für ein paar Wochen, sah alles aus, als würde es gut ausgehen.
Lirya verbrachte in diesen Wochen fast jeden Abend bei Arlons Familie – ihr eigenes Zuhause lag nur zwei Straßen weiter, aber dort war es in diesem Winter leerer und stiller, als ihr lieb war, und niemand in der Wohnküche fragte je, warum sie blieb, bis es Zeit fürs Bett wurde. Es gab einen Abend – Arlon erinnerte sich später genau daran, an jedes Detail –, an dem Lirya, schon im geliehenen Nachthemd, das ihr eine Spur zu kurz war, am Fenster saß, die Stirn gegen die kalte Scheibe gelehnt, und leise mitsummte, was das Lied ihr sang, mit einem Lächeln, das nichts von Sorge wusste. Der Kalender an der Wand zeigte schon auf das Frühjahr, nur noch wenige Wochen entfernt, fein säuberlich mit einem Datum markiert, das Jorin mit Rotstift eingekreist hatte. Es war ein Abend, der aussah wie ein Ende – ein gutes Ende, ein Ende, wie man es sich für eine Geschichte wünscht, in der alle, die man liebt, am Ende sicher sind.
Dann verklang das Lied nicht.
Es brach ab – mitten im Namen, zwischen zwei Silben, so wie ein Gespräch abbricht, wenn sich eine Hand auf den Mund legt.
Lirya erstarrte. Arlon, der am anderen Ende des Raumes gesessen hatte, sah es an ihrem Gesicht, noch bevor sie ein Wort sagte – wie die Farbe daraus wich, wie ihre Hand sich um die Fensterbank krallte. „Es ist weg", flüsterte sie. „Es war noch nicht fertig, und jetzt ist es weg."
Sie war schon draußen, bevor jemand sie aufhalten konnte, im Nachthemd, barfuß im Schnee, den Blick nach oben gerichtet, als könnte sie das Verklungene am Himmel wiederfinden. Arlon folgte ihr, seine Füße brennend vor Kälte, und sah, wie sie stehen blieb, mitten auf der stillen, weißen Straße, und lauschte. Nicht nach dem, was sie hörte. Nach dem, was sie nicht mehr hörte.
„Bevor sie kommen", murmelte sie, ein Fetzen aus einem fremden Traum, den nicht sie geträumt hatte, sondern er, und der sich trotzdem in ihr festgesetzt hatte wie ein Taktgeber, den sie nicht abstellen konnte. Sie lief weiter, ziellos und zielsicher zugleich, und Arlon lief neben ihr her, und die Straßen Uras waren so still, wie er sie noch nie erlebt hatte – nicht die Stille eines schlafenden Ortes, sondern die eines Ortes, der den Atem anhielt.
Vor dem Haus wartete der Wolf.
Er war einfach da, als wäre er nie fort gewesen, das rote Halstuch noch immer um seinen Hals geschlungen, ein wenig verblichen vom Wetter. Die Flocken, die um ihn fielen, blieben nicht auf seinem Fell liegen, schmolzen, bevor sie ihn berührten, oder wichen ihm aus, das ließ sich in der Dunkelheit nicht genau erkennen. Seine Augen waren weit geöffnet, viel zu weit für ein gewöhnliches Tier, und in ihnen lag etwas, das Warnung und Bestätigung zugleich war, ohne dass Lirya hätte sagen können, wovor gewarnt und was bestätigt wurde. Sie spürte beides, tief, ohne es benennen zu müssen.
Im Haus war Alma bereits angekleidet.
Nicht im Nachtgewand, nicht im Schlaf gestört – ihr Wintermantel war geschlossen, bis zum obersten Knopf, ihr Stock lag griffbereit in ihrer Hand, als hätte sie die ganze Nacht so dagesessen und gewartet. „Da seid ihr ja", sagte sie, als sie eintraten, mit einer Ruhe, die nichts von der gewohnten, gemütlichen Ofen-Ruhe hatte. Es war das Ruhige eines sehr alten Schiffes, das den Anker aufholt.
Arlon zog den Kompass hervor, aus einem Reflex heraus, den er selbst nicht ganz verstand.
Er war kalt.
Zum ersten Mal, seit er ihn gefunden hatte, war er einfach nur Messing – kühl, tot, ein Ding wie jedes andere. Er öffnete den Deckel. Die Nadel suchte, drehte sich, fand keine Richtung, suchte weiter, im Kreis, wie jemand, der in einem dunklen Haus die Türen abgeht und keine findet.
„Alma", sagte er, und seine Stimme brach ein wenig. „Er ist kalt. Er zeigt nirgendwohin."
Alma sah ihn an, und dann Lirya, und beide Kinder sahen sie an und erkannten sie für einen Moment nicht wieder. Es war noch immer ihr Gesicht, ihre Augen, aber etwas dahinter hatte sich verschoben, aufgerichtet, wach geworden auf eine Weise, die keinem von beiden je zuvor begegnet war. Es sah nicht aus wie Angst.
Es sah aus wie Anfang.
„Weckt das Haus", sagte sie, und ihre Stimme trug jetzt eine Autorität, die keinen Widerspruch mehr zuließ. „Alle. Und schickt nach der Lehrerin." Sie sah zum Fenster hinaus, in die Nacht, aus der sie gekommen waren, mit dem Wolf, der sich bereits zur Tür gewandt hatte, den Kopf hoch erhoben, nach Osten gerichtet. „Das Frühjahr ist zu weit weg."
Sie nahm ihren Stock fester in die Hand, und für einen Herzschlag sahen Arlon und Lirya beide dasselbe: eine alte Frau, die sich plötzlich nicht mehr alt anfühlte, die Schwelle ihres eigenen Hauses wie eine Startlinie betrachtete.
„Es wird Zeit, dass ihr erfahrt, wer ich bin."