Das Erntefest
Der Marktplatz roch nach gebranntem Zucker, nach heißem Fett und nach den letzten warmen Tagen des Jahres, die keiner mehr so richtig glaubte. Girlanden aus Stroh und buntem Tuch spannten sich zwischen den Dächern. Auf der einen Seite trommelten die Stanner-Kapellen, Blech und Fell und mechanisches Klicken, ein Rhythmus, der einem in die Füße fuhr, ob man wollte oder nicht. Auf der anderen antworteten die Bammer mit Hörnern und einem Gesang, der keine Melodie zu haben schien und doch eine hatte, wenn man lange genug zuhörte. Dazwischen liefen Kinder mit Zuckeräpfeln, Hunde mit gestohlenen Würsten und Erwachsene mit Krügen, die schon jetzt, am frühen Abend, verdächtig leicht wirkten.
Arlon saß auf der niedrigen Mauer vor dem Brunnen, die Beine baumelnd, einen Apfel in der Hand, den er mehr drehte als aß. Lirya saß neben ihm, kaute lauter als nötig und kommentierte jeden, der vorbeikam, mit einer Genauigkeit, die Arlon manchmal amüsierte und manchmal ein wenig unheimlich fand. „Der Bäcker hat schon wieder Mehl im Bart", sagte sie. „Er weiß es nicht. Er weiß es nie." Thalia tanzte mit dem bärtigen Stalait-Jungen irgendwo zwischen den Ständen, Torma hatte sich mit drei anderen in einen Wettstreit verwickelt, wer die meisten Nüsse mit bloßer Hand knacken konnte, und verlor sichtlich, aber laut. Mira jagte einer Ziege hinterher, die niemandem gehörte und die trotzdem verdächtig nach Angie aussah.
Dann ging ein Raunen durch die Menge, kein lautes, eher ein Umschlagen der Stimmung, wie wenn der Wind dreht. Arlon sah auf. Zwei Gestalten kamen über den Platz, und man sah sofort, dass sie nicht von hier waren – und ebenso sofort, dass sie hierher gehörten.
Der eine war groß, breitschultrig, mit dunkler, leicht grünlich schimmernder Haut und zwei kleinen, glatt polierten Hauern, die ihm ein Grinsen verliehen, selbst wenn er ernst dreinschaute. Ein Bammer, aber gekleidet in Stoffe, die niemand in Ura je gewebt hatte, mit Nähten, die zu gerade waren, und einem Gürtel voller kleiner Dinge, die klickten und surrten, wenn er sich bewegte. Der andere war kleiner, stämmig, mit einem sorgfältig gestutzten Bart und einer Weste, die aussah, als sei sie für ein ganz anderes Wetter gemacht. Ein Stanner mit einer Uhr an einer Kette, die er alle paar Minuten aufklappte und wieder schloss, mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit.
„Brann!" Jorin war der Erste, der rief, und noch ehe der Große antworten konnte, hatte er ihn schon in die Arme geschlossen, dass es krachte. „Und Edward." Ein Handschlag, fester und förmlicher, aber nicht weniger warm. Frika kam mit einem Krug, Alma erhob sich von ihrem Platz am Brunnenrand, und es dauerte keine zwei Atemzüge, bis ein kleiner Trubel aus Begrüßungen, Umarmungen und halb ausgesprochenen Sätzen um die beiden Ankömmlinge herum entstand.
„Wie lange diesmal?", fragte Frika, während sie Brann den Krug in die Hand drückte.
Brann lächelte, aber es war ein Lächeln, das an den Rändern schon wusste, was es gleich sagen musste. „Drei Tage", sagte er. „Dann ruft es wieder."
Niemand fragte, was „es" war. Arlon bemerkte, dass niemand je fragte.
Edward hatte inzwischen die Zwillinge entdeckt, die sich sofort um ihn drängten – Torma wollte die Uhr sehen, Thalia wollte wissen, ob er diesmal aus dem Fraktal mit den fliegenden Schiffen kam oder aus dem mit den singenden Städten, eine Unterscheidung, die offenbar wichtig war und die Arlon nie ganz verstanden hatte. „Von weit her", sagte Edward und ließ die Uhr aufschnappen, sodass ein winziges, tickendes Räderwerk sichtbar wurde. „Und von ziemlich nah." Er klappte die Uhr wieder zu. „Beides ist wahr, glaubt mir das ruhig." Die Zwillinge nahmen das mit der gleichen Selbstverständlichkeit hin, mit der sie alles von Edward hinnahmen, und zogen ihn weiter zu den Ständen, wo es angeblich einen neuen Dampfkreisel zu bestaunen gab.
Brann und Edward standen für einen Moment, mitten im Trubel, nebeneinander, und Edeltraut, die vom Schulweg her über den Platz kam, gesellte sich zu ihnen. Ein ganz gewöhnlicher Anblick: drei alte Bekannte, die sich lange nicht gesehen hatten. Alma stand ein paar Schritte entfernt, einen Becher in der Hand, und sah zu ihnen hinüber, so beiläufig, dass es aussah wie gar nichts. Arlon hätte nicht hingesehen, wäre da nicht Lirya gewesen, die plötzlich aufgehört hatte zu kauen.
„Schau", sagte sie leise und stieß ihn an.
„Was denn?"
„Die drei da drüben. Guck sie dir an."
Arlon sah hin. Er sah drei Erwachsene, die redeten, lachten, sich zunickten. Ganz gewöhnlich. „Was soll ich da sehen?"
„Warte", sagte Lirya nur.
Und dann geschah es – so kurz, dass Arlon es beinahe verpasst hätte. Mitten in einem Satz, mitten in einer Bewegung, wurden Edeltraut, Brann und Edward für den Bruchteil eines Atemzugs still. Nicht nacheinander. Gleichzeitig. Edeltrauts Hand erstarrte auf halbem Weg zu ihrem Becher. Branns Blick verlor für einen Herzschlag jeden Fokus. Edwards Finger, die eben noch die Uhrkette gedreht hatten, hielten inne. Dann, ebenso plötzlich, waren sie wieder da, redeten weiter, als sei nichts gewesen – als hätte keiner von ihnen dreien bemerkt, dass gerade etwas durch sie hindurchgegangen war wie ein einziger, geteilter Atemzug.
Nur Alma hatte sich bewegt. Kaum merklich, einen halben Schritt näher zu den dreien hin, den Kopf leicht geneigt, als prüfte sie etwas, das sie schon kannte und trotzdem jedes Mal neu prüfen musste. Dann trat sie ebenso ruhig wieder zurück, nippte an ihrem Becher, und wandte sich einer Nachbarin zu, als sei nichts gewesen.
„Siehst du?", flüsterte Lirya. „Und hast du gesehen, wer's gesehen hat?"
„Ich sehe drei alte Leute, die reden, und meine Großmutter, die trinkt", sagte Arlon, aber er sagte es nicht ganz so überzeugt, wie er wollte.
„Sie haben alle gleichzeitig aufgehört. Und alle gleichzeitig weitergemacht. Als hätte wer für sie alle den Atem angehalten. Und Alma hat's gesehen, bevor ich's gesehen habe." Lirya kaute wieder, aber langsamer jetzt, nachdenklicher. „Das war kein Zufall. Ich hab so was schon mal gesehen. Nicht genau das. Aber so was."
„Wo denn?"
Sie zuckte die Schultern, und zum ersten Mal, seit Arlon sie kannte, wirkte sie tatsächlich unsicher. „Weiß nicht. Irgendwo. Vielleicht nirgendwo." Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie den Gedanken loswerden, der nicht so recht loswollte. „Ist bestimmt nichts."
Arlon nickte, erleichtert, das Thema wechseln zu können, und wandte sich wieder dem Fest zu, wo gerade jemand versehentlich einen ganzen Korb Äpfel über den Platz kullern ließ und ein Dutzend Kinder hinterherjagte. Er dachte nicht weiter darüber nach. Lirya schon. Noch eine ganze Weile, während um sie herum wieder Musik und Zuckeräpfel und Tormas endlich geknackte Nuss die Oberhand gewannen, saß sie stiller da als sonst, den Apfel unangebissen in der Hand, und sah öfter zu Alma hinüber, als das Fest es eigentlich verlangte – nicht ängstlich, nur mit der Beharrlichkeit von jemandem, der ein Muster gefunden hat und es nicht wieder loslassen kann, auch wenn er nichts damit anzufangen weiß.
Die drei Tage vergingen, wie Fest-Tage vergehen: zu schnell für die Kinder, genau richtig für die Alten. Am dritten Abend, als die Lichter auf dem Platz schon heruntergebrannt waren und die Musik müder klang, standen Brann und Edward mit gepackten Bündeln am Rand der Stadt, dort, wo die Straße sich in den Wald hineinzog. Die ganze Familie war gekommen, um sie zu verabschieden, und auch Edeltraut, in ihrem grauen Umhang, die Hände ineinander gelegt, als friere sie, obwohl der Abend mild war.
„Bis zum nächsten Mal", sagte Jorin, und es klang, wie es immer klang – halb Abschied, halb Versprechen.
„Bis dahin", sagte Brann und umarmte ihn noch einmal, fester als nötig, so wie er alles fester tat als nötig. Er umarmte Frika, tätschelte den Zwillingen die Köpfe, hob Mira kurz hoch, dass sie kreischte, und nickte Arlon zu, ein einziges, ernstes Nicken, das mehr wog als die ganze Umarmung zuvor. Edward verabschiedete sich mit Handschlägen, förmlich, aber warm, und ließ Torma zum Abschied noch einmal die Uhr aufklappen, bevor er sie endgültig in seiner Weste verschwinden ließ.
Dann drehten sich die beiden um und gingen. Arlon sah ihnen nach, wie sie kleiner wurden zwischen den ersten Bäumen, und kurz bevor sie ganz im Dunkel verschwanden, wandte Brann noch einmal den Kopf.
Er nickte. Aber nicht den Menschen, die am Straßenrand standen und winkten.
Er nickte dem Bogen zu.