Die Tunnel
Kapitel III – Unter den alten Gärten

Die Tunnel

Abschnitt 8 von 18

Es gibt eine Neugier, die man tragen kann, solange sie klein bleibt, und eine, die irgendwann zu schwer wird, um sie noch länger mit sich herumzuschleppen. Arlons Neugier auf das, was unter den Ruinen lag, gehörte längst zur zweiten Sorte. Jeder in Ura kannte die alten Geschichten von den Hallen der Stanner, die tiefer reichten, als irgendjemand heute wusste, mit Werkstätten und Maschinen, von denen manche angeblich noch liefen, niemand wusste, warum. Kinder erzählten sich davon auf dem Schulhof, mit dem üblichen Zusatz, dass man dort natürlich nicht hindurfte, was die Geschichten nur interessanter machte.

„Ich will's sehen", sagte Lirya eines Nachmittags, so beiläufig, als schlüge sie vor, gemeinsam Äpfel zu klauen. Sie saßen auf der Mauer hinter der Schule, von der aus man, wenn man sich weit genug vorbeugte, einen der alten Einstiege sehen konnte – ein rostiges Gitter zwischen zwei Wurzeln, halb von Efeu verschluckt, seit Menschengedenken als „gefährlich, betreten verboten" bekannt und ebenso lange als das am schlechtesten bewachte Verbot der ganzen Stadt.

„Wir dürfen nicht", sagte Arlon, was eher eine Feststellung als ein Einwand war.

„Wir dürfen vieles nicht." Lirya sprang von der Mauer. „Kommst du mit oder bleibst du hier und erzählst mir hinterher, wie's war?"

Der Streuner, der ihnen den ganzen Weg gefolgt war, ohne dass jemand ihn gerufen hatte, blieb am Gitter stehen und ging keinen Schritt weiter. Er setzte sich einfach hin, mit dem Gesichtsausdruck eines alten Verwandten, der eine Dummheit kommen sieht und sie nicht verhindern wird, aber auch nicht daran teilnehmen will.

Das Gitter war leichter zu öffnen, als es aussah – Generationen von Kindern hatten offenbar dasselbe Verbot ignoriert und dabei die Angeln gelockert. Dahinter fiel eine Treppe aus behauenem Stein in die Dunkelheit, jede Stufe glatt getreten von Füßen, die es längst nicht mehr gab, und schmaler, als sie von oben ausgesehen hatte, sodass Arlon die Schulter an der einen Wand entlangschleifen ließ, um nicht zu stolpern. Arlon zündete die kleine Lampe an, die er sich – für alle Fälle, hatte er sich gesagt, ohne genau zu wissen, welcher Fall gemeint war – eingesteckt hatte, und gemeinsam stiegen sie hinab, Stufe für Stufe, während das Licht von oben erst zu einem Streifen und dann zu nichts mehr wurde.

Die Luft wurde kühler, trockener, und roch nach Stein und altem Öl. Ihre Schritte hallten anders hier unten, kürzer, als würde der Fels sie sofort wieder verschlucken, und einmal blieb Lirya stehen, weil sie meinte, ein Echo gehört zu haben, das nicht zu ihren eigenen Schritten passte – es war nur der Nachhall gewesen, aber beide gingen von da an ein Stück leiser. Nach einigen Dutzend Stufen öffnete sich der Gang zu einer Halle, größer, als die Lampe zeigen konnte, mit Gestängen und Rohren, die sich an den Wänden entlangzogen wie erstarrte Wurzeln aus Metall. Zahnräder, so groß wie Wagenräder, standen still, mit einer Staubschicht darauf, die aussah, als wäre sie schon dort gewesen, bevor es Staub überhaupt gab. Irgendwo tropfte Wasser, gleichmäßig, wie ein zweiter Herzschlag.

„Stanner-Werk", flüsterte Lirya, und ihre Stimme hallte trotzdem viel zu laut. „Sieht älter aus als die Schule."

„Sieht älter aus als alles", sagte Arlon.

Sie gingen weiter, vorsichtig, die Lampe voraus, und Arlon berührte, ohne es wirklich zu beabsichtigen, im Vorbeigehen eines der großen Zahnräder – nur mit den Fingerspitzen, so wie man ein schlafendes Tier berührt, um zu sehen, ob es aufwacht.

Es wachte auf.

Nicht viel. Ein leises Klicken, tief im Inneren der Maschine, dann ein Summen, das anschwoll und wieder abfiel, und irgendwo weiter hinten im Dunkeln flackerte für einen Atemzug ein Licht auf, gelblich und warm, in einer Röhre, die seit undenklichen Zeiten tot ausgesehen hatte.

Arlon zog die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. „Hast du das gesehen?"

„Ich hab's gehört", sagte Lirya, und in ihrer Stimme lag etwas, das Arlon noch nie dort gehört hatte. Sie stand ganz still, den Kopf leicht schief gelegt, wie jemand, der einem Vogel lauscht, den sonst niemand bemerkt. „Da ist … ich weiß nicht. Ein Singen. Ganz leise. Als würde die ganze Halle summen, nicht nur die Maschine."

Arlon lauschte. Er hörte das Tropfen. Er hörte sein eigenes Blut in den Ohren. Er hörte kein Singen.

„Ich hör nichts", sagte er.

„Ich schon." Lirya sah ihn an, und zum ersten Mal, seit er sie kannte, sah sie ein wenig verunsichert aus – nicht ängstlich, eher so, als würde sie an sich selbst zweifeln, ob sie sich das nur einbildete. „Vielleicht bin ich komisch."

„Vielleicht bin ich derjenige, der komisch ist", sagte Arlon. „Bei mir geht das Ding an. Bei dir singt es."

Sie standen einen Moment schweigend nebeneinander, jeder mit dem eigenen Rätsel, das nicht zum anderen passte, und beide spürten – ohne es aussprechen zu können – dass hier gerade etwas Wichtiges geschehen war, etwas, das größer war als eine verbotene Klettertour unter die Stadt.

Weiter hinten endete die Halle in einem Gang, der sich abwärts neigte, tiefer ins Dunkel, wo die Lampe kaum noch etwas zeigte außer dem eigenen, schwachen Kreis. Am Boden lag Staub, dick und ungestört, so alt, dass er beinahe wie eine zweite Steinschicht wirkte – und in diesem Staub sahen sie, deutlich und frisch, ihre eigenen Fußabdrücke, die einzigen im ganzen Gang, seit wer weiß wie langer Zeit die ersten. Arlon blieb stehen und betrachtete sie, ein unbehagliches Gefühl im Magen, das er nicht sofort einordnen konnte: Der Staub würde sich nicht von selbst wieder glätten. Was auch immer sie hier hinterließen, würde bleiben, sichtbar für jeden, der genau genug hinsah.

„Wir sollten zurück", sagte er.

Lirya nickte, ungewöhnlich einverstanden, den Blick immer noch nach unten in den dunklen Gang gerichtet, als könnte sie das Singen dort verfolgen bis an seinen Ursprung, wenn sie nur wollte. Aber sie drehte sich um.

Auf dem Rückweg, an der großen Halle vorbei, wo das Zahnrad sich inzwischen wieder beruhigt hatte und die Röhre erloschen war, blieb Arlon noch einmal stehen und sah zurück in die Dunkelheit, aus der sie kamen. Er wusste nicht, was dort unten war. Er wusste nicht, was gerade geweckt worden war, kurz und leise, durch seine bloße Berührung. Aber er hatte das seltsame, unumstößliche Gefühl, dass es kein Zufall gewesen war.

Es hatte nicht einfach reagiert.

Es wartete darauf, es zu tun.

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