Der Streuner
Kapitel III – Unter den alten Gärten

Der Streuner

Abschnitt 7 von 18

Das Fest klang aus: weniger Musik, mehr Gähnen, Stände, die schneller abgebaut wurden, als sie aufgebaut worden waren. Brann und Edward waren fort, drei Tage waren vorbei, und Ura fiel zurück in seinen gewohnten Trott – Schule, Markt, Dampfwagen, Standpauken. Der Herbst rückte näher, man roch ihn in den Abenden, kühl und ein wenig nach nassem Laub.

An einem dieser Abende, als Arlon vom Hof zum Stall ging, um die letzten Hühner einzusperren, blieb er stehen.

Am Zaun saß ein Tier.

Es war groß – zu groß für einen Hund, nicht ganz groß genug für das, was Arlon sonst mit dem Wort verband, das ihm nicht einfallen wollte. Grau, in einem Grau, das im letzten Licht beinahe silbern wirkte, wie Mondschein auf frischem Schnee, obwohl noch lange kein Schnee lag. Die Ohren standen aufmerksam, der Blick war ruhig, viel zu ruhig für ein streunendes Tier, das man eigentlich hätte verjagen müssen.

Es sah Arlon an. Und blieb sitzen.

„Äh", sagte Arlon, was in solchen Momenten die einzig angemessene Reaktion zu sein schien.

Mira war die Erste, die es entdeckte, natürlich, denn Mira entdeckte alles zuerst und lauter als jeder andere. „EIN HUND!", brüllte sie über den ganzen Hof, sodass Frika mit der Suppenkelle noch in der Hand aus der Tür kam und Jorin sein unfertiges Küchengerät stehen ließ, was er selten tat.

„Das ist kein Hund", sagte Jorin und musterte das Tier mit dem Blick eines Mannes, der schon viele Maschinen repariert und noch mehr Ziegen verarztet hatte und der sich nun fragte, in welche der beiden Kategorien dieses Wesen fiel. „Das ist – ich weiß auch nicht, was das ist."

„Ich will ihn behalten", verkündete Mira und setzte sich, ohne zu zögern, direkt neben das Tier, das dies mit einer Gelassenheit hinnahm, die selbst Frika beeindruckte.

„Du willst alles behalten, was vier Beine hat und nicht wegläuft", sagte Frika, aber sie kam trotzdem näher, die Kelle noch immer in der Hand, als könnte man einen Wolf notfalls mit Suppe vertreiben. „Geh weg, du. Husch." Das Tier bewegte sich nicht. Es blinzelte nur, einmal, langsam, mit einer Würde, die die ganze Familie für einen Moment verstummen ließ.

Da trat Alma aus dem Haus.

Sie sagte nichts. Sie ging auch nicht näher heran. Sie blieb in der Tür stehen, eine Hand am Rahmen, und sah das Tier an, und das Tier sah sie an, und zwischen den beiden geschah etwas, das Arlon nicht benennen konnte, aber deutlich spürte, so wie man spürt, wenn zwei Erwachsene sich in einem vollen Raum über die Köpfe der anderen hinweg etwas mitteilen, das keine Worte braucht. Almas Gesicht veränderte sich nicht wirklich. Nur ihre Schultern, die sich einen Fingerbreit senkten, so als hätte sie gerade eine Frage beantwortet bekommen, die sie schon lange nicht mehr gestellt hatte.

„Lasst ihn", sagte sie schließlich. „Er tut niemandem etwas."

„Woher willst du das wissen?", fragte Jorin.

Alma antwortete nicht direkt. „Weil er es nicht will", sagte sie nur, und damit war für sie die Sache entschieden, was bei Alma meistens hieß, dass sie auch für alle anderen entschieden war, ob sie wollten oder nicht.

Am nächsten Nachmittag kam Lirya vorbei, angeblich wegen der Hausaufgaben, tatsächlich vor allem wegen der Gerüchte, die bereits durch halb Ura liefen – ein Wolf auf Arlons Hof, größer als ein Kalb, mit Augen wie Rauch. Der Wachmann von der Straßenecke, von einer Nachbarin darauf angesprochen, hatte nur die Schultern gezuckt. „Marder", hatte er gesagt. „Nur größer." Und damit war die Sache für die meisten in Ura erklärt, auch wenn keiner, der das Tier tatsächlich gesehen hatte, ihm das abnahm.

Als Lirya es tatsächlich sah, wo er ruhig im Schatten der Scheune lag, blieb sie stehen und musterte ihn mit derselben Gründlichkeit, mit der sie sonst Menschen musterte.

„Der ist kein Streuner", sagte sie schließlich.

„Er streunt aber", sagte Arlon. „Deshalb nennt Mira ihn so."

„Streunen ist, wenn man nicht weiß, wohin man will." Lirya kniff die Augen zusammen. „Der hier weiß genau, wohin er will. Er ist einfach schon da." Sie trat einen Schritt näher, und das Tier hob den Kopf, nicht bedrohlich, nur interessiert, und sah sie an mit diesem viel zu wachen Blick. „Er hat gefunden", sagte Lirya leise, mehr zu sich selbst als zu Arlon. „Jetzt wartet er."

„Gefunden? Was denn?"

„Woher soll ich das wissen?" Sie zuckte die Schultern, aber es war nicht ihr übliches Achselzucken. „Ich bin unheimlich, nicht allwissend. Aber schau ihn dir an. Der wartet nicht, wie Tiere warten. Der wartet, wie man wartet, wenn man weiß, dass die Sache schon entschieden ist."

Arlon betrachtete den Streuner – der Name hatte sich festgesetzt, auch wenn er offensichtlich falsch war – und musste zugeben, dass etwas an dem Tier tatsächlich seltsam beharrlich wirkte. Es folgte niemandem aufdringlich. Es bettelte nicht um Essen, obwohl Mira ihm heimlich die Hälfte ihres Abendbrots zusteckte. Es ging auch nie in Richtung der Ruinen – im Gegenteil, wenn der Wind einmal von dorther kam, hob es den Kopf, witterte kurz, und legte die Ohren an, als mochte es etwas an diesem Geruch nicht.

„Warum geht er nie zum Bogen?", fragte Arlon einmal Alma, beiläufig, während sie gemeinsam Wäsche von der Leine nahmen.

Alma faltete ein Laken, sorgfältig, Ecke auf Ecke. „Vielleicht hat er dort schon einmal gewartet", sagte sie, und mehr sagte sie nicht dazu, und ihr Gesicht hatte diesen Ausdruck, den Arlon inzwischen kannte und der bedeutete: Frag nicht weiter, Bengel, nicht heute.

Die Tage vergingen, und der Streuner blieb, mit der stillen Selbstverständlichkeit eines Möbelstücks, das schon immer dagewesen war. Er ließ sich von Mira mit Namen belegen, die alle nicht hielten – Fellchen, Grauwolf, Herr Silber –, weil er auf keinen davon reagierte und Mira nach einer Woche aufgab. Er duldete Jorins misstrauische Blicke, Frikas anfängliches Kellenschwingen, das mit der Zeit in ein widerwilliges „na gut" überging, und Torma und Thalias Versuche, ihn wie einen großen Hund zu behandeln, was er mit einer Geduld ertrug, die eher nach Nachsicht als nach Gehorsam aussah.

Nur eines tat er jede Nacht gleich.

Wenn das Haus zur Ruhe kam, wenn die letzten Lichter erloschen und Arlon sich in seine Decke rollte, erhob sich der Streuner von seinem Platz an der Scheune, kam ins Haus – niemand hatte ihm je erlaubt, hineinzukommen, und niemand hielt ihn davon ab – und legte sich nieder.

Nicht neben dem Ofen, wo es warm war. Nicht neben Mira, die ihn am liebsten gehabt hätte.

Er legte sich genau zwischen Arlon und der Tür.

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