Der Traum
Kapitel IV – Ein Himmel zu viel

Der Traum

Abschnitt 10 von 18

Seit drei Nächten lag der Kompass auf dem Fensterbrett, nicht in der Tasche, nicht unter dem Kissen. Arlon hätte nicht genau sagen können, warum er ihn dorthin gelegt hatte, nur dass es sich richtig angefühlt hatte, so wie man manchmal eine Tür einen Spalt offenlässt, ohne zu wissen, wer hindurchkommen soll. Und seit drei Nächten träumte er.

Nicht wie sonst. Sonst waren Träume für Arlon flüchtige, unordentliche Dinge – ein Zahn, der wackelte, eine Prüfung, für die er nicht gelernt hatte, Angie, die durch die Schule spazierte. Diese hier waren anders. Diese hier hatten ein Gewicht.

In dieser dritten Nacht war es die weiße Stadt.

Er stand – oder besser, er war jemand, der stand, denn seine eigenen Füße spürte er nicht, nur die fremden, auf warmem, hellem Stein – auf einem Dach, das kein Dach war, wie er sie kannte, sondern ein Garten: Beete in Reihen, wo bei ihm Ziegel gewesen wären, kleine Bäume in Trögen, deren Blätter silbern schimmerten, wenn der Wind sie drehte. Die Häuser um ihn herum waren hoch, heller als alles in Ura, ohne Rauch, ohne Ruß, und über allem spannte sich ein Himmel, den Arlon nicht kannte: zwei Monde standen dort, nicht einer. Der eine groß und gelassen, hing tief und rund wie ein Teller. Der andere, kleiner, weiter oben, wirkte, als hätte er sich beeilen müssen, um überhaupt noch aufzugehen, und wäre trotzdem zu spät gekommen.

Er – oder der, der er in diesem Traum war – atmete Luft, die nach nichts roch, was Arlon kannte, nach Metall und Blüten zugleich, und irgendwo, aus einer Richtung, die keine Richtung hatte, hörte er ein Summen. Kein Maschinensummen, wie in den Tunneln. Ein Lied, kaum mehr als eine Melodie ohne Worte, aber es kam nicht aus einer Kehle – es kam aus vielen, aus der ganzen Stadt gleichzeitig, aus offenen Fenstern und von fernen Dächern, als würde niemand es bewusst singen und trotzdem jeder.

…bevor sie kommen…

Die Worte waren da, kaum greifbar, ein Fetzen zwischen den Tönen, und dann wieder fort, bevor Arlon sie festhalten konnte.

Er – der andere er – ging ein paar Schritte durch den Dachgarten, strich mit einer Hand, die nicht seine eigene war und es doch war, über die silbrigen Blätter, und in diesem Gehen lag etwas, das Arlon erkannte, obwohl er es nie erlebt hatte: eine bestimmte Art von Sehnsucht, die keinen Ort hatte, an dem sie sich hätte stillen können. Heimweh nach einem Zuhause, in dem man gerade stand.

Wer bist du?

Die Frage kam nicht von Arlon. Sie kam von der anderen Seite, aus derselben Kehle, die eben noch das Lied gesummt hatte, gerichtet nach innen, so wie man sich selbst fragt und doch, in diesem Moment, jemand anderen meint.

Arlon spürte, wie ihm die Frage durch den ganzen Traum hindurch entgegenkam, und ohne dass er es entschied, antwortete er, oder etwas in ihm antwortete: Ich weiß es nicht.

Und dann, klarer, als hätte sich für einen Atemzug ein Vorhang zwischen zwei Zimmern geöffnet: Ich wollte dich dasselbe fragen.

Für einen Herzschlag – nicht länger – standen sie beide da, in zwei Körpern, unter zwei Himmeln, und keiner von ihnen wusste mehr als der andere. Kein Name kam. Keine Erklärung. Nur die gemeinsame, fast erleichterte Erkenntnis, dass die Frage auf beiden Seiten dieselbe war und dieselbe blieb.

Arlon wachte auf.

Es dauerte einen langen, furchtbaren Moment, bis er wusste, wo er war. Nicht wer – das kam schneller zurück –, aber wo, in welchem Bett, unter welcher Decke, in welcher der beiden Welten, die sich in seinem Kopf für diesen einen Atemzug überlagert hatten wie zwei durchsichtige Blätter Papier. Er lag still, die Augen weit offen in der Dunkelheit, und tastete nach den Dingen, die ihn zurückholten: das Knarren des Hauses, Miras Schnarchen zwei Zimmer weiter, der Streuner, dessen warmes Gewicht sich, wie jede Nacht, zwischen ihm und der Tür ausgebreitet hatte.

Erst als er all das gefunden hatte, war er wieder ganz Arlon.

Der Kompass lag auf dem Fensterbrett, unbewegt, im ersten grauen Licht. Arlon sah ihn lange an, bevor er aufstand.

In der Schule an diesem Tag war er stiller als sonst, und das wollte etwas heißen. Er hörte dem Unterricht zu, ohne wirklich zuzuhören, aß in der Pause, ohne zu schmecken, und selbst als die Zwillinge irgendetwas über einen Streit auf dem Marktplatz erzählten, nickte er nur an den richtigen Stellen, ohne ein Wort davon zu behalten.

Lirya bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es – Lirya bemerkte alles, das war ja gerade das Merkwürdige an ihr, das Arlon inzwischen fast schon vertraut war. Sie musterte ihn einmal, länger als sonst, über dem Rand ihres Apfels hinweg, mit diesem Blick, der Muster sammelte, ohne sie sofort zu benennen. Etwas an ihm war heute anders. Sie sah es an seinen Augen, die ein wenig zu weit weg waren, an der Art, wie er die Schultern hielt, als trüge er etwas, das man nicht sehen konnte.

Sie fragte nicht.

Das war das Merkwürdigste von allem, dachte Arlon später – nicht, dass sie es bemerkte, sondern dass sie es, zum ersten Mal, für sich behielt. Kein „Was ist mit dir los?", kein Sticheln, kein Drängen. Nur ein kurzer, prüfender Blick, ein leichtes Kopfschütteln, so als würde sie zu sich selbst sagen: noch nicht. Und dann redete sie einfach weiter, über den Streit auf dem Markt, über die Zwillinge, über alles und nichts, und ließ ihm den Raum, den er gerade brauchte, ohne dass er je darum gebeten hätte.

Am Abend, als er den Kompass wieder aufs Fensterbrett legte, saß er noch einen Moment auf der Bettkante und dachte an den Jungen mit den zwei Monden über sich, der genauso wenig wusste wie er, der genauso ratlos in seinem eigenen, viel zu hellen Zuhause stand.

Ich weiß es nicht, hatte er gedacht. Und von der anderen Seite war zurückgekommen, ruhig, fast wie ein Lächeln, das man nicht sehen, nur spüren konnte:

Ich wollte dich dasselbe fragen.

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