Die Wandernden
Kapitel IV – Ein Himmel zu viel

Die Wandernden

Abschnitt 11 von 18

Ein Geheimnis, das man lange genug allein trägt, hört irgendwann auf, sich wie Tragen anzufühlen, und fängt an, sich wie Schleppen anzufühlen. Arlon hatte den Kompass jetzt seit Wochen bei sich, hatte die Träume gezählt, ohne es zu wollen, hatte gelernt, sein eigenes Gesicht am Morgen so zurechtzulegen, dass niemand fragte. Er hatte es allein getragen – vor den Eltern, vor den Zwillingen, sogar vor Lirya, was ihm mit jedem Tag schwerer fiel, wie ein Riemen, der sich in eine Schulter schneidet, die sich nicht beschweren will.

Es war Alma, die es beendete, ohne dass er sie darum bitten musste.

„Bengel", sagte sie eines Abends, als die anderen längst schliefen und nur der Ofen noch redete, „hol das Ding, das du seit Wochen mit dir herumträgst wie eine Kröte in der Hosentasche. Ich werde nicht jünger, während du dich entscheidest."

Arlon brachte den Kompass. Er legte ihn zwischen sie, auf den kleinen Tisch, im Licht der letzten Glut, und Alma sah ihn an – nicht überrascht, das war sie nie, sondern mit einem Ausdruck, der Arlon an das Wort endlich erinnerte, obwohl sie es nicht aussprach.

„Ein Wandernden-Stück, wenn die alten Geschichten nicht lügen", sagte sie schließlich, und strich mit einem Finger über den angelaufenen Deckel, ohne ihn zu berühren. „Alt. Älter als ich, und das will etwas heißen."

„Ein was?"

„Ein Wandernden-Stück." Sie lehnte sich zurück, faltete die Hände, und ihre Stimme nahm den Ton an, den sie sonst für ihre langen, halb erfundenen Geschichten benutzte – nur dass Arlon inzwischen wusste, dass Almas Geschichten selten ganz erfunden waren. „Es gab einmal Menschen – wenn man sie überhaupt Menschen nennen will, das ist so eine Sache für sich –, die zwischen den Welten gingen, wie du und ich zwischen den Stuben dieses Hauses gehen. Man nannte sie die Wandernden. Sie gehörten keinem Volk, keiner Stadt, keiner Fahne. Sie gehörten dem Gleichgewicht."

„Und der Kompass war von ihnen?"

„Der Kompass ist von jemandem", sagte Alma, „der so gewandert ist, so heißt es jedenfalls. Und er hat sich seinen Weg zu dir gesucht, so wie ein Same sich seinen Weg zum Licht sucht – nicht, weil er weiß, wo oben ist, sondern weil in ihm etwas ist, das oben erkennt, wenn es dort ankommt." Sie sah ihn an. „Du bist so ein Same, Arlon. Und was in dir wohnt, hat gerade erst gemerkt, in welcher Erde es liegt."

Arlon dachte an den Traum, an die zwei Monde, an die Frage, die von beiden Seiten gleich gekommen war. „Es weiß auch nicht mehr als ich", sagte er leise. „Das, was da ist. Es hat mich gefragt, wer ich bin. So, als wüsste es es selbst nicht."

Etwas in Almas Gesicht wurde weicher, fast erleichtert. „Gut", sagte sie. „Das ist gut, dass du das weißt. Denn genau das ist die erste Regel, Bengel, und die wichtigste: Es ist kein Herr, der über dich bestimmt. Und du bist kein Diener, der ihm zu gehorchen hat. Kein Herr, kein Diener – merk dir das, denn viele haben es vergessen, und aus diesem Vergessen ist mehr Unglück entstanden, als du dir vorstellen kannst."

„Und die zweite Regel?"

„Zwing nichts." Sie hob einen zweiten Finger. „Was du erzwingst, zerbricht dir in der Hand, früher oder später, und meistens früher. Frag. Warte. Lass dir antworten."

Arlon dachte an den Moment im Keller, an die Nadel, die stur in die falsche Richtung gezeigt hatte, und daran, wie er für einen Herzschlag versucht gewesen war, sie mit dem Finger geradezudrücken, nur um zu sehen, ob sie nachgab. Er hatte es nicht getan – aus keinem besseren Grund als einem plötzlichen, unerklärlichen Zögern –, aber jetzt, im Nachhinein, wurde ihm kalt bei dem Gedanken, was gewesen wäre, hätte er es doch versucht. Er sah zu Alma. Sie nickte, als hätte sie die Frage gehört, die er nicht gestellt hatte.

„Und die dritte?"

Alma lächelte, aber es war ein müdes Lächeln, eines, das etwas hinter sich hatte. „Die dritte lernst du nicht von mir", sagte sie. „Die dritte lernt man nur, indem man sie bricht und sieht, was es kostet. Ich sage sie dir trotzdem, damit du gewarnt bist, auch wenn Warnungen selten helfen: Vertraue nicht blind. Auch nicht dir selbst. Am wenigsten dir selbst, wenn du glaubst, du hättest schon verstanden."

Sie schwiegen eine Weile. Der Ofen knackte. Irgendwo draußen, weit weg, heulte kein Wolf, obwohl Arlon fast damit gerechnet hätte.

„Alma", sagte er schließlich, und die Frage kam heraus, bevor er sie hätte zurückhalten können, dieselbe Frage, die schon einmal in ihm gewachsen war, am Ofen, in einer anderen Nacht. „Wer bist du eigentlich?"

Sie sah ihn lange an. Diesmal wich sie nicht aus, wurde nicht abwesend wie damals bei der Kerze. Sie sah ihn einfach nur an, mit einer Zärtlichkeit, die schwerer wog als jede Antwort.

„Deine Großmutter", sagte sie. „Alles Weitere, wenn du bereit bist."

Es war keine Ausflucht, das spürte Arlon deutlich – es war ein Versprechen, verpackt wie eine Absage. Er nickte, obwohl es ihm schwerfiel, und in diesem Moment geschah etwas, das er später nie ganz in Worte fassen konnte. Alma schloss die Augen, nur für einen Atemzug, und ihre Lippen bewegten sich, kaum hörbar, in Worten, die nicht für Arlon bestimmt waren und die auch nicht Deutsch waren, nicht Bammer, nicht irgendetwas, das er je gehört hatte – eher, als würde sie in einer Sprache antworten, die sie ihr Leben lang gesprochen hatte und die trotzdem niemand um sie herum je sprechen hörte. Es war kurz. Es war leise. Aber es war unmissverständlich eine Antwort, gerichtet an etwas, das nicht im Raum war, und Arlon spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten, nicht vor Angst, sondern vor der schieren Größe dessen, was er da gerade mit angesehen hatte, ohne es zu verstehen.

Dann öffnete sie die Augen wieder, und war einfach nur Alma, müde und alt und warm.

„Geh schlafen, Bengel", sagte sie. „Du hast morgen Schule, und die Welt wartet schon lange genug, da kommt es auf eine weitere Nacht nicht an."

Arlon stand auf, nahm den Kompass, und ging zur Tür. Dort blieb er stehen und sah, durch das kleine Fenster, hinaus über die Dächer, dorthin, wo in der Ferne, kaum sichtbar zwischen den alten Gärten, der Große Bogen im Dunkeln stand.

Für einen einzigen Atemzug glomm er auf. Ein mattes, goldenes Licht, kaum stärker als eine Kerze, das durch den Stein selbst zu wandern schien, wie ein Auge, das im Traum kurz aufgeht.

Und wieder zufällt.

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