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Der Kompass
Chapter III – Unter den alten Gärten

Der Kompass

Section 9 of 18

„Und wenn du schon dabei bist", sagte Frika, ohne von ihrer Liste aufzusehen, „hol die Wintersäcke aus dem Keller. Die mit der roten Schnur, nicht die mit der blauen, die blaue ist für die Kartoffeln." Sie tippte mit dem Stift gegen die Liste, als könnte das ihren Worten mehr Nachdruck verleihen. „Und wehe, du bringst wieder die falschen."

Jorin, der am Tisch noch immer an seinem Lederblasebalg herumfummelte, murmelte etwas davon, dass er „gleich, gleich" auch in den Keller müsse, um nach seinem Werkzeug zu sehen, und blieb dabei so unbeweglich sitzen, dass niemand ihm glaubte.

Arlon nahm die Lampe vom Haken und stieg die schmale Treppe hinab, die vom Flur in den Keller führte – ein anderer Keller als der unter Ura, kleiner, vertrauter, roch nach Erde und eingelagerten Äpfeln statt nach altem Öl. Hier stapelten sich Kisten, Werkzeug, das Jorin „noch brauchen könnte", und Dinge, die niemand mehr brauchte, aber auch niemand wegzuwerfen bereit war.

Die Wintersäcke standen, wo sie immer standen, aber um an sie heranzukommen, musste Arlon sich an einem sperrigen Gestell vorbeidrängen, das ganz hinten in der dunkelsten Ecke lehnte – ein altes Traggestell, aus Holz und geflochtenen Riemen, wie es die Bammer benutzten, wenn sie ihre wandernden Gärten von Ort zu Ort trugen. Es hatte seiner Mutter gehört, wusste Arlon, aus der Zeit, bevor sie sesshaft geworden war, und es stand seit Jahren unangetastet hier unten, ein Stück Vergangenheit, das niemand recht anzufassen wagte.

Diesmal blieb Arlon stehen. Vielleicht war es der Staub der letzten Nacht, der ihm noch in den Fingerspitzen saß. Vielleicht war es einfach so, dass manche Dinge einen irgendwann ansehen, bis man zurücksieht. Er strich über einen der Riemen, und eine kleine Tasche an der Seite des Gestells, halb verrottet, löste sich unter seiner Hand und fiel zu Boden.

Etwas Kleines, Metallenes rollte heraus und blieb im Lampenlicht liegen.

Ein Kompass. Aus Messing, angelaufen, aber nicht rostig, mit einem Deckel, den Arlon vorsichtig aufklappte. Die Nadel darunter zitterte, fand sich, blieb stehen – nicht in Richtung der kleinen eingravierten Rose, die den Norden zeigte, sondern deutlich daneben, ein gutes Stück, wie eine Uhr, die eine falsche Zeit für richtig hält und sich davon nicht abbringen lässt.

Arlon nahm ihn in die Hand.

Er war warm.

Nicht kellerwarm, nicht handwarm von der eigenen Berührung – warm wie etwas, das gerade erst irgendwo angekommen war. Arlon drehte ihn zwischen den Fingern, betrachtete das Glas, das Messing, die kleinen Kratzer, die von einem langen, unbekannten Leben erzählten, und in diesem Moment, so plötzlich und so klar, dass er im ersten Augenblick dachte, jemand stünde hinter ihm im Keller, hörte er es.

Da bist du ja.

Keine Stimme, die durch die Luft ging. Eher eine, die von innen kam, aus einer Richtung, die kein Ohr benennen konnte, warm und ein wenig erleichtert, wie jemand, der lange auf eine Tür gewartet und sie endlich klopfen gehört hat.

Arlon fuhr herum. Der Keller war leer. Die Lampe warf denselben Schatten wie immer.

„Hallo?", sagte er, sehr leise, sehr dumm, an niemanden im Besonderen.

Nichts antwortete. Aber der Kompass in seiner Hand fühlte sich nicht mehr an wie ein Ding. Er fühlte sich an wie ein Gegenüber – so, wie man den Unterschied spürt zwischen einer leeren Wiese und einer Wiese, auf der jemand steht und einen ansieht, auch wenn man diesen Jemand nicht sehen kann.

Er steckte ihn ein, tief in die Tasche, mit einer Vorsicht, die er selbst nicht ganz verstand, holte die Wintersäcke – die roten, diesmal richtig – und stieg langsamer die Treppe hinauf, als er hinabgestiegen war.

Oben, im Flur, saß Alma, wie so oft um diese Zeit, in ihrem Schaukelstuhl, und schälte etwas, das sie ebenso gut hätte liegen lassen können, denn ihre Hände hielten inne, sobald Arlon durch die Tür trat. Sie sagte nichts. Sie sah ihn nur an – nicht auf die Säcke, die er trug, nicht in sein Gesicht, sondern irgendwie durch ihn hindurch, auf etwas, das er bei sich trug und das er nicht gezeigt hatte.

Und dann geschah etwas, das Arlon später kaum in Worte fassen konnte: Almas Schultern, die er nie als angespannt wahrgenommen hatte, weil sie es nie zu sein schien, sanken ein winziges Stück, wie bei jemandem, der endlich, endlich ausatmen darf. Ihr Gesicht blieb, wie es immer war, warm, ein wenig verschmitzt – aber ihre Augen glänzten für einen Moment verdächtig, und sie lächelte, ein Lächeln, das nichts mit den Wintersäcken zu tun hatte.

„Na", sagte sie nur. „Da bist du ja auch."

Arlon blieb stehen. „Was?"

„Nichts, Bengel." Sie wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, als sei nichts gewesen, aber ihr Summen, als er weiterging, klang heller als sonst.

Er sagte niemandem etwas vom Kompass. Nicht seinen Eltern, die ohnehin mit dem Abendessen beschäftigt waren. Nicht den Zwillingen, die ihn gefragt hätten, wo er ihn her hatte, und dann hätten sie es weitererzählt, wie sie alles weitererzählten. Und nicht Lirya, mit der er sonst über alles redete, über den Streuner, über das Singen in den Tunneln, über jede kleine Merkwürdigkeit der letzten Wochen. Diesmal nicht. Er wusste selbst nicht genau, warum – nur, dass dieses eine Ding sich anfühlte, als gehöre es für den Moment ganz allein ihm, wie ein Geheimnis, das noch zu jung war, um geteilt zu werden.

Am Abend, im Bett, unter der Decke, holte er ihn noch einmal hervor und betrachtete ihn im letzten Licht der Kerze. Die Nadel zitterte wieder, fand wieder dieselbe falsche Richtung, hielt wieder still. Arlon dachte an all die Dinge, die er in seinem Leben schon gefunden und wieder verloren hatte – Käfer, die wegliefen, Steine, die sich beim zweiten Hinsehen als gewöhnlich erwiesen, Freundschaften, die sich als Wetter entpuppten.

Aber dieser hier, dachte Arlon, während seine Augen zufielen, dieser hier vielleicht doch.

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