Der stille See
„Für den Winter", hatte Alma gesagt, als sie am Frühstückstisch verkündete, dass Arlon sie an diesem Nachmittag zum See begleiten würde, und mehr Erklärung hatte es nicht gegeben. „Wozu?", hatte Frika gefragt, mit dem Tonfall einer Frau, die diese Antwort schon oft genug gehört hatte, um zu wissen, dass keine weitere folgen würde. „Für den Winter", hatte Alma wiederholt, als sei damit alles gesagt, und war zu ihrem Korb gegangen, in den sie Wurzeln packte, die sie ebenso gut im eigenen Garten hätte finden können.
Erst als sie schon ein Stück gegangen waren, auf dem schmalen Pfad, der sich zwischen den Bäumen hindurchwand, fragte Arlon, ob er Lirya mitnehmen dürfe.
Alma blieb stehen. Sah ihn an, mit diesem Blick, der immer ein wenig zu weit in einen hineinsah. „Natürlich darfst du das", sagte sie. „Ich hätte mich gewundert, wenn du es nicht getan hättest."
Sie holten Lirya an der Abzweigung ab, wo sie schon wartete, als hätte sie es geahnt, und auf dem Weg zum See, während Alma ein Stück voraus ging und mit sich selbst oder mit niemandem sprach, holte Arlon tief Luft.
„Ich hab dir was verschwiegen", sagte er, und dann erzählte er es, in der falschen Reihenfolge, zweimal von vorn beginnend, weil er vergaß, was er schon gesagt hatte: den Kompass aus dem Keller, warm in seiner Hand. Die Stimme, die kein Ohr gehört hatte und die trotzdem da gewesen war. Den Traum mit den zwei Monden, mit dem Jungen auf der anderen Seite, der ihn dieselbe Frage gefragt hatte, die er selbst hätte stellen wollen. Er hatte gedacht, es würde sich anfühlen wie ein Verrat an einem Geheimnis. Stattdessen fühlte es sich an wie das Ablegen eines Riemens, der sich zu lange in eine Schulter geschnitten hatte.
Lirya blieb stehen, mitten auf dem Pfad, und sah ihn einen Moment lang an, ohne etwas zu sagen – nicht böse, aber auch nicht so, als wäre nichts gewesen. „Wochenlang", sagte sie schließlich, mehr feststellend als vorwurfsvoll. Dann war die Härte schon wieder aus ihrer Stimme. „Ich wusste, dass irgendwas ist." Kein Vorwurf blieb darin zurück. Nur eine leise Genugtuung, dass ihr Muster sich endlich zu etwas zusammengefügt hatte.
„Warum hast du nichts gesagt?", fragte Arlon.
„Weil du es mir sagen solltest, wenn du bereit bist", antwortete sie, und es klang so sehr nach etwas, das Alma hätte sagen können, dass Arlon fast lachen musste.
Der See lag still zwischen den Bäumen, als sie ankamen, so still, dass er eher wie ein liegen gelassener Spiegel wirkte als wie Wasser. Kein Wind kräuselte die Oberfläche. Kein Vogel sang. Alma setzte sich auf einen flachen Stein am Ufer und begann, tatsächlich, Wurzeln zu sammeln, die dort wuchsen – für sie, so schien es, war mit „Für den Winter" bereits alles gesagt, was zu sagen war.
Arlon kniete sich ans Ufer und sah in sein eigenes Spiegelbild, ein Gesicht, das ihm gerade in letzter Zeit manchmal fremd vorkam. Er sah Wasser. Nur Wasser, dunkel und klar, mit dem Nachmittagshimmel darüber.
Lirya kniete neben ihm, sah ebenfalls hinein – und wurde still.
„Was?", fragte Arlon.
„Der Himmel ist falsch", sagte sie leise.
„Was soll das heißen, falsch?"
„Da sind Sterne." Ihre Stimme war ganz ruhig, aber ihre Hand, die sich am Ufergras festhielt, war es nicht. „Mitten am Tag, Arlon. Sterne, die ich nicht kenne. Nicht unsere Sterne. Andere." Sie beugte sich näher über das Wasser, die Hand schon halb ausgestreckt. „Sie stehen ganz anders. Fremd. Und da – " Sie deutete, ihre Hand zitterte kaum merklich. „Da ist etwas, das sich bewegt."
Arlon sah nichts als sein eigenes Gesicht, verunsichert, suchend. Er sah keine Sterne. Er sah keinen fremden Himmel. Was auch immer der See zeigte, zeigte es nicht ihm.
Es zeigte es ihr.
Und dann, im Wasser, direkt neben Liryas Spiegelbild, tauchte eine dritte Gestalt auf – grau, groß, mit ruhigen, viel zu wachen Augen, die aus der spiegelnden Tiefe zu ihr heraufblickten, mitten aus einem Himmel, der nicht zu diesem Waldsee gehörte. Der Streuner, der eigentlich, wie jeden Nachmittag, faul am Waldrand hätte liegen sollen, war nirgends in Sichtweite – und doch war er da, im Spiegelbild, unter fremden Sternen, und sah Lirya an, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.
Lirya zuckte zurück. „Der Wolf", flüsterte sie. „Er ist da drin."
Alma, ohne aufzublicken von ihren Wurzeln, sagte nur: „Er ist überall ein bisschen da drin, Kind. Das war schon immer so." Es klang, als würde sie über das Wetter sprechen.
„Das ist nicht normal", sagte Lirya, mit einer Stimme, die zwischen Empörung und Staunen schwankte.
„Nein", stimmte Alma zu, unbeeindruckt, und knotete ihr Bündel Wurzeln fest. „Ist es nicht."
„Warum siehst du das und ich nicht?", fragte Lirya und wandte sich an Arlon, als könnte ausgerechnet er es ihr erklären.
„Woher soll ich das wissen?" Arlon hob die Hände. „Ich bin unheimlich, nicht allwissend." Lirya schnaubte, halb Lachen, halb Protest, sagte aber nichts weiter dazu.
Arlon sah zwischen den beiden hin und her, zwischen dem Wasser, das ihm nichts zeigte, und Lirya, der es alles zeigte, und zum ersten Mal spürte er etwas, das er nicht ganz benennen konnte – nicht Eifersucht, eher eine Art Staunen darüber, wie anders zwei Menschen dieselbe Welt betreten konnten. Er hatte den Traum gehabt, die Stimme, den Kompass. Sie hatte den See, die Sterne, den Wolf im Spiegel. Zwei verschiedene Türen in dasselbe Haus.
Alma stand auf, kam zu ihnen, legte je eine Hand auf ihre Schultern, Arlon links, Lirya rechts, und sah selbst nicht ins Wasser, sondern zwischen die beiden Kinder, als sähe sie dort etwas viel Deutlicheres als jeder Spiegel es zeigen könnte.
„Er träumt nach innen", sagte sie. „Du siehst nach außen." Ihr Griff wurde für einen Moment fester, nicht schmerzhaft, aber bestimmt, als wolle sie sicherstellen, dass die Worte ankamen und blieben. „Merkt euch das, ihr werdet es noch brauchen – ihr beide, in genau dieser Reihenfolge."
Keiner von beiden fragte, was sie damit meinte. Es war eine jener Alma-Sätze, die man nicht sofort verstand und die man trotzdem nicht vergaß, so wie man sich an eine Melodie erinnert, lange bevor man den Text dazu kennt.
Der See lag wieder still, als sie gingen, ein gewöhnlicher Spiegel unter einem gewöhnlichen Nachmittagshimmel, als hätte er sich, wie ein höflicher Gastgeber, wieder zurückgezogen, nachdem er gezeigt hatte, was er zeigen wollte.