Die Sucher
Kapitel V – Freundliche Fragen

Die Sucher

Abschnitt 13 von 18

Ura lebte in seiner gewohnten Ruhe, als der Mann im grauen Mantel zum ersten Mal über den Marktplatz ging.

Er fiel nicht auf, wie man vielleicht gedacht hätte. Kein Gefolge, keine Fanfare, kein Klirren von Ketten. Er ging einfach, mittelgroß, mittelalt, mit einem Gesicht, das man sich schwer merken konnte, obwohl nichts daran hässlich oder auffällig war. Sein Mantel war grau, seine Stiefel waren sauber, und seine Augen hatten jenen Ton, den die Alten manchmal „Novemberaugen" nannten und den die Jungen für eine Redensart hielten. Er grüßte die Händler höflich, kaufte einen Apfel, den er bezahlte, ohne zu handeln, und stellte Fragen.

Zwei Stände weiter hörte Arlon, wie eine Tuchhändlerin halb hinter vorgehaltener Hand zu ihrer Nachbarin sagte: „Bei uns waren solche Männer letztes Jahr schon mal, wisst ihr. Wo genau, weiß ich auch nicht mehr – aber es hieß, sie hätten damals auch nach Kindern gefragt." Die Nachbarin nickte, als bestätige das etwas, das sie schon geahnt hatte, und beide wandten sich wieder ihren Stoffballen zu, als sei nichts gewesen.

Er stellte sehr viele Fragen.

„Meister Corvin", stellte er sich vor, wo immer er auftauchte, mit einem Lächeln, das echt wirkte, weil es das vermutlich auch war. „Ich führe eine Messung durch. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste." Er fragte nach den Ruinen, nach den alten Zugängen, nach ungewöhnlichen Geräuschen. Er fragte, ob in letzter Zeit Kinder in der Nähe der Gärten gesehen worden seien. Er notierte jede Antwort in ein kleines Buch mit Lederdeckel, ordentlich, mit einer Schrift, die zu gerade war, um hastig zu wirken.

Am ersten Nachmittag kam er auch zum Hof.

Er klopfte nicht, sondern blieb am offenen Tor stehen, bis Frika ihn bemerkte, was höflicher war, als es hätte sein müssen. „Meister Corvin, von der Inquisition", sagte er. „Darf ich ein paar Fragen stellen?" Es klang wie eine Bitte und war doch keine.

Frika trocknete sich die Hände an der Schürze ab. „Fragt." Hinter ihr, am großen Tisch, saß Jorin über seinem Lederblasebalg gebeugt, viel zu still, viel zu konzentriert, als repariere er gerade das Wichtigste seines Lebens.

Corvin fragte nach den Kindern des Hauses, nach ihrem Schulweg, danach, ob sie manchmal spät nach Hause kämen. Er fragte es beiläufig, zwischen zwei Sätzen über das Wetter, und notierte trotzdem jede Antwort. Thalia und Torma, die aus dem Stall kamen, wurden gefragt, ob sie ihren Bruder je in der Nähe der Ruinen gesehen hätten, und beide sagten wahrheitsgemäß Nein, was ihnen sichtlich leichter fiel, weil es tatsächlich stimmte. Arlon, der mit einem Stapel Feuerholz aus der Scheune trat, spürte Corvins Blick auf sich liegen, kurz, prüfend, nicht länger als auf jedem anderen – und genau das war das Beunruhigende daran.

„Danke für eure Zeit", sagte Corvin schließlich, mit einem Lächeln, das nichts verriet, und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Erst als er außer Sichtweite war, ließ Jorin den Blasebalg sinken und atmete hörbar aus, als hätte er die ganze Zeit die Luft angehalten – was, wie sich herausstellte, tatsächlich der Fall gewesen war.

Am zweiten Tag ging er zu den Ruinen selbst.

Arlon erfuhr davon von Torma, der es wiederum von einem Freund gehört hatte, der es von seinem Vater hatte, der einen der Soldaten hatte reden hören: Der Sucher hatte das alte Gitter gefunden, das rostige, halb von Efeu verschluckte, dasjenige, dessen Angeln so praktisch locker waren. Er hatte es geöffnet. Er war hinabgestiegen. Und er war mit etwas wieder heraufgekommen, das er sorgfältig in ein Tuch gewickelt hatte, bevor er es in seine Tasche steckte.

Staub. Mit Fußabdrücken darin. Zwei Paar, eines größer als das andere.

Arlon erfuhr davon in der großen Pause, und der Boden unter ihm schien für einen Moment weicher zu werden, als Böden es eigentlich sein sollten. Lirya, die neben ihm stand, wurde blass, aber sie sagte kein Wort, nicht einmal zu ihm, nicht dort, nicht mit anderen in Hörweite. Stattdessen zog sie, mit einer Beiläufigkeit, die eine Spur zu vollkommen war, um echt zu sein, einen Apfel aus der Tasche und biss hinein, kaute laut und gelangweilt, während ihre Augen über den Hof wanderten, als suche sie nach gar nichts Bestimmtem.

Am dritten Tag rief Meister Corvin die Schule zusammen.

Es geschah höflich, wie alles bei ihm höflich geschah. Er stand vor der versammelten Klasse, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, und sprach mit der Ruhe eines Mannes, der wusste, dass Eile selten etwas beschleunigte, was man wirklich verstehen wollte. „Ich untersuche die alten Tunnel unter der Stadt", sagte er. „Es geht nicht um Bestrafung. Es geht um Sicherheit – eure eigene, vor allem. Diese Anlagen sind nicht dafür gebaut, dass Kinder sie betreten. Manche Maschinen dort unten reagieren auf … Anwesenheit. Ich möchte nur wissen, wer dort war, damit ich sicherstellen kann, dass ihm nichts geschehen ist."

Es war eine gute Lüge, wenn es überhaupt eine war. Vielleicht glaubte er es sogar selbst.

Niemand meldete sich. Corvin nickte, als hätte er genau das erwartet, und sein Blick wanderte langsam durch die Reihen, nicht anklagend, nur registrierend, wie ein Mann, der Zahlen zusammenzählt und am Ende ohnehin auf das richtige Ergebnis kommt.

„Ich habe gehört", sagte er dann, beiläufig, während er sein kleines Buch aufschlug, „dass Ura ruhige Zeiten hatte. Das freut mich. Ruhige Städte sind mir die liebsten." Er sagte es wie eine Randbemerkung, ohne jede Drohung in der Stimme, aber der Satz blieb im Raum hängen wie Rauch, der sich nicht verziehen will, und niemand hätte sagen können, warum.

Draußen, durch das Fenster, konnte Arlon einen Reiter sehen, der die Straße nach Süden hinunterjagte, als hätte er es sehr eilig.

Frau Edeltraut, die während der ganzen Ansprache in der Tür gestanden hatte, die Arme verschränkt, das Gesicht unbewegt, sagte nichts. Aber Arlon sah, wie ihre Hand einmal, kurz, fester um ihren eigenen Ärmel griff, und wieder losließ.

Corvin klappte sein Buch zu. „Nun", sagte er, mit einem Lächeln, das freundlicher war, als es hätte sein müssen, „ich danke euch für eure Zeit. Ihr könnt gehen."

Die Klasse löste sich auf, Stühle rutschten, Erleichterung machte sich breit, wie sie es tut, wenn eine Gefahr vorübergezogen zu sein scheint, ohne einen zu berühren.

„Arlon."

Er blieb stehen. Sein Herz tat einen Satz, der weh tat.

„Lirya."

Sie war schon fast an der Tür gewesen. Sie drehte sich um, mit einem Gesicht, das nichts verriet, was Arlon bewunderte und fürchtete zugleich.

Meister Corvin sah die beiden an, freundlich, geduldig, ohne jede Eile, so wie ein Mann ein Rätsel betrachtet, das er bereits gelöst hat und nur noch bestätigt haben möchte.

„Arlon. Lirya. Ihr zwei bleibt bitte."

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