Das verbotene Archiv
Kapitel V – Freundliche Fragen

Das verbotene Archiv

Abschnitt 14 von 18

Sie standen vor Meister Corvin wie zwei Kinder, die genau wussten, dass Leugnen keinen Sinn mehr hatte, und die es trotzdem versuchen wollten, weil die Alternative unvorstellbar war.

Aber Corvin fragte nicht weiter. Er sah sie nur an, eine Spur zu lange, notierte etwas in sein kleines Buch, das Arlon nicht lesen konnte, und sagte dann, fast sanft: „Ihr müsst mir nichts sagen. Ich weiß, was ich wissen muss." Er klappte das Buch zu. „Geht nach Hause. Und geht nicht mehr dort hinunter." Er sagte es wie ein Rat unter Freunden, nicht wie eine Drohung, und das machte es schlimmer, nicht besser.

Bevor sie die Tür erreichten, trat Frau Edeltraut dazwischen.

„Ich nehme die beiden mit", sagte sie zu Corvin, in einem Ton, der keinen Widerspruch erwartete und auch keinen bekam. Corvin nickte nur, höflich wie immer, und wandte sich seinen Notizen zu, als wäre die Sache für ihn bereits erledigt.

Edeltraut warf einen kurzen Blick auf den Apfel in Liryas Hand, auf die betont gleichgültige Art, wie Lirya ihn hielt, und auf ihr Gesicht, das noch immer eine Spur zu unbeteiligt aussah. „Der Apfel hätte mich fast überzeugt", sagte sie trocken, ohne stehen zu bleiben. „Fast." Mehr sagte sie nicht dazu, und Lirya steckte den Rest wortlos ein.

Edeltraut führte sie nicht zum Ausgang. Sie führte sie tiefer ins Schulgebäude, durch einen Flur, den Arlon nie betreten hatte, an Regalen vorbei, die nach altem Papier rochen, bis zu einer Tür, die aussah wie jede andere Tür – bis Edeltraut einen Schlüssel zog, der zu groß und zu alt für ein gewöhnliches Schloss wirkte.

Dahinter fiel eine Treppe in die Tiefe, enger als die zu den Stanner-Tunneln, aber wärmer, trockener, mit einem Geruch nach Wachs und altem Leder.

Unten wartete ein Raum voller Bücher, und in einem Sessel, eingehüllt in mehr Decken, als der Raum eigentlich erforderte, saß ein sehr alter Mann. Seine Augen waren milchig, nach innen gekehrt, blind, und doch wandte er den Kopf genau in ihre Richtung, als sie eintraten, als hätte er sie kommen hören, lange bevor die Tür sich öffnete.

„Zwei", sagte er, und seine Stimme war rau wie Laub im Wind. „Ein Junge, der zu leise atmet, und ein Mädchen, das gar nicht atmet, weil sie es vergisst, wenn sie zuhört. Setzt euch."

Er tastete nach einer Tasse auf dem kleinen Tisch neben sich, roch daran, und verzog das Gesicht. „Grütze. Schon wieder." Es klang nicht wirklich vorwurfsvoll, eher wie eine alte Klage, die man aus reiner Gewohnheit weiterführt. „Ich habe noch Zähne, Edeltraut, falls dir das entgangen ist."

„Dann beweis es und iss dein Brot", erwiderte Edeltraut vom Rand des Lichtkreises, ohne aufzusehen, mit einer Vertrautheit, die nach vielen gemeinsamen Jahren klang. Jorvel schnaubte, aß aber.

Irgendwo, weit über ihnen, schlug eine Glocke die Stunde, kaum hörbar durch so viel Stein und Erde. Jorvel hob den Kopf, noch bevor der erste Schlag bei den Kindern überhaupt angekommen war. „Drei", sagte er, ehe die Glocke geendet hatte, und lächelte, als hätte er soeben etwas bewiesen, das eigentlich unbewiesen bleiben sollte.

„Das ist Jorvel", sagte Edeltraut. „Er ist die Fracht, die niemand finden darf. Und er weiß mehr über das, was ihr gehört habt, als irgendjemand sonst in dieser Stadt."

„Das Singen", sagte Lirya sofort, ohne zu zögern.

Der alte Mann lächelte, ein Lächeln, das trotz der blinden Augen etwas sehr Wachsames hatte. „Also hast du es wirklich gehört. Gut. Ich hatte gehofft, dass es noch jemanden gibt, der hört."

Er erzählte ihnen, langsam, mit den Pausen eines Mannes, der Zeit im Übermaß besitzt und trotzdem weiß, dass sie ihm knapp wird. Von einem Lied, das älter war als jede Stadt, das aus zwei Hälften bestand, und das keine der beiden Seiten allein singen konnte. „Eine Tür öffnet man von zwei Seiten", sagte er. „Das vergisst man leicht, wenn man nur auf einer Seite steht und drückt und drückt und sich wundert, warum nichts nachgibt."

„Und der Bogen ist so eine Tür?", fragte Arlon.

„Der Bogen ist die Tür", sagte Jorvel. „Zerbrochen, ja. Aber eine zerbrochene Tür ist immer noch eine Tür, Junge, nur eine, die man vorsichtiger behandeln muss." Er wandte sein blindes Gesicht zum Regal, als könnte er die Bücher dort sehen. „Es gab welche, die das versucht haben. Vor dem großen Durcheinander. Sie sind hindurchgegangen, oder haben es versucht, oder etwas dazwischen, das niemand mehr genau weiß. Ihre Namen sind weg. Nur die Warnung ist geblieben."

„Was für eine Warnung?"

„Dass man ein Lied nicht erzwingt." Jorvels blinde Augen richteten sich, mit unheimlicher Genauigkeit, auf Arlon. „Man singt es. Oder man lässt es."

Edeltraut stand während all dem am Rand des Lichtkreises, die Arme verschränkt, und schwieg lange. Erst als Jorvel geendet hatte, sagte sie: „Corvin hat um Verstärkung gebeten. Der Reiter, der heute nach Süden ritt, trägt seine Bitte." Sie sah niemanden dabei an, am wenigsten Arlon. „Mit einer Antwort rechne ich nicht vor einer guten Woche, wenn überhaupt. Das gibt uns Zeit – nicht viel, aber mehr, als es sich gerade anfühlt. Meine eigenen Gründe, Corvin nicht zu nahe zu kommen, behalte ich für mich."

„Was sollen wir tun?", fragte Lirya.

Es war Arlon, der antwortete, und er hörte selbst, wie fremd seine eigene Stimme klang, fester, als er sich fühlte. „Wir gehen heute Nacht zum Bogen. Bevor der Brief zurückkommt. Bevor irgendetwas zurückkommt." Er sah zu Lirya, dann zu Edeltraut, dann zu dem blinden alten Mann in den Decken. „Wenn es eine Tür ist, dann sollten wir wenigstens versuchen, sie von unserer Seite zu öffnen, bevor jemand anderes entscheidet, sie für immer zu verschließen."

Es war der Moment, an dem er begriff – nicht mit einem großen, hellen Gedanken, sondern mit etwas Stillerem, das sich in ihm festsetzte wie ein Nagel, der endlich gerade sitzt –, dass Bleiben keine Sache war, die einem einfach zufiel, wie ein Platz auf einer Bank. Bleiben war etwas, das man verteidigen musste, jeden Tag neu, gegen alles, was einen fortnehmen oder verschließen wollte. Er wollte bleiben. Und um zu bleiben, musste er heute Nacht gehen.

Jorvel lächelte wieder, dieses wachsame Lächeln. „Gut gesprochen, Junge. Vielleicht seid ihr bereiter, als ich dachte." Er hob eine faltige Hand, als wollte er Arlon segnen, ließ sie dann aber wieder sinken, als würde ihm etwas anderes einfallen. „Solltet ihr da draußen jemandem begegnen, der fragt, wer hier unten lebt – sagt ihm, ein alter Freund lässt grüßen. Er wird wissen, von wem."

Niemand fragte, wen er meinte. Manche Sätze, hatte Arlon inzwischen gelernt, waren nicht dazu gemacht, sofort verstanden zu werden.

Sie verabredeten sich für die Mitternachtsstunde, am Gartentor, mit dem Kompass und mit allem Mut, den vier Menschen und ein sehr alter Mann in Decken zusammenbringen konnten. Edeltraut brachte Arlon und Lirya zurück ans Tageslicht, mit einer Miene, die weder Zustimmung noch Ablehnung zeigte, nur eine Art müde Entschlossenheit, die Arlon an Alma erinnerte.

Zu Hause, noch bevor die Dämmerung kam, grub Arlon den Kompass ein zweites Mal ein – diesmal mit Absicht. Nach Corvins Fragen im Hof traute er sich nicht mehr, ihn einfach in der Tasche zu tragen, falls doch noch jemand fragte oder nachsah. Er wählte die Ecke des Gemüsebeets, wo Angie für gewöhnlich graste, wickelte den Kompass in Öltuch und drückte ihn tief in die kalte Erde, unter den wachsamen, gänzlich unbeeindruckten Blick der Ziege, die keinen Ton dazu von sich gab.

Der Abend kam, und mit ihm die Kälte, und Arlon lag wach in seinem Bett, die Hände leer, wo sonst der Kompass gelegen hatte, und wartete auf Mitternacht, die nicht kommen sollte, wie er es sich vorgestellt hatte – aber das wusste er in dieser Nacht noch nicht.

Und irgendwo, unendlich weit weg und direkt unter ihren Füßen, summte etwas die andere.

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