Der Siegelmeister
Kapitel V – Freundliche Fragen

Der Siegelmeister

Abschnitt 15 von 18

Mitternacht kam, und mit ihr kam nichts.

Ein Posten stand jetzt am Gartentor, aufgestellt seit dem Tag, an dem die Fußspuren gefunden worden waren, ein Soldat, der fror und deshalb wach blieb, was ihn zu einem denkbar schlechten Hindernis und einem denkbar zuverlässigen zugleich machte. Arlon und Lirya versuchten es in dieser ersten Nacht. Sie versuchten es in der zweiten, von der anderen Seite der Gärten, wo ein umgestürzter Baum einen Weg über den Zaun versprach, der sich als Illusion entpuppte, sobald Lirya sich das Knie aufschlug. Sie versuchten es ein drittes Mal, mit Alma, die behauptete, einen alten Pfad durch die Wanderolivenbäume zu kennen, der sie prompt im Kreis herumführte, bis Alma selbst, außer Atem und ungewöhnlich amüsiert, erklärte, dass manche Türen eben entscheiden würden, wann sie sich öffneten, und diese hier offenbar noch nicht so weit sei.

Es war fast zum Lachen, wenn es nicht so bitter gewesen wäre: eine Handvoll Kinder, ein sehr alter Mann und eine noch ältere Frau, die dreimal scheiterten, einen Bogen zu erreichen, der seit Generationen niemanden aufgehalten hatte, der ihn nicht erreichen wollte.

Dann kam der erste Schnee.

Er fiel in der Nacht, leise, ohne Ankündigung, und am Morgen lag Ura unter einer dünnen, makellosen Decke, die jedes Geräusch schluckte und die Stadt in eine Stille tauchte, die selbst die Dampfwagen respektierten. Es war schön, auf eine Art, die Arlon fast vergessen ließ, wonach er Ausschau hielt.

Dann sah er die Wagen.

Zwei, groß, dunkel, gezogen von Tieren, die nicht wie gewöhnliche Zugtiere aussahen, kamen die Straße von Süden herauf, gefolgt von zwanzig Mann zu Fuß, in genauer Ordnung, ihre Schritte im Schnee einheitlich wie ein einziger, vielfüßiger Körper. Und ganz am Ende, allein, zu Fuß, wo alle anderen geritten oder gefahren waren, kam ein Mann in einem Mantel, der keine Farbe hatte – nicht grau, nicht weiß, sondern etwas dazwischen, das sich weigerte, sich festzulegen.

Ura stand an den Fenstern. Niemand rief etwas. Nicht einmal die Kinder.

Corvin ging ihm entgegen, auf halbem Weg zum Marktplatz, mit schnellen Schritten, die Arlon aus der Entfernung beobachtete, versteckt hinter dem Vorhang seines eigenen Fensters. Was tatsächlich gesprochen wurde, erfuhr Ura erst später, in Bruchstücken, wie es solche Gespräche immer erfährt.

„Drei Tage", soll Corvin gesagt haben, mehr zu sich selbst als zu dem Ankömmling. „Meine Messungen deuten auf drei Tage, frühestens. Ich hatte um Zeit gebeten, nicht um—"

Der farblose Mann blieb stehen, den Kopf leicht geneigt, und ließ ihn ausreden, was schlimmer war als jede Unterbrechung. Als Corvin fertig war, sagte er nur einen einzigen Satz, in einer Stimme, die klang, als läse jemand eine Akte vor, die längst geschlossen war: „Die Messungen sind zur Kenntnis genommen." Dann ging er weiter, an Corvin vorbei, so vollständig, dass es keinen Unterschied gemacht hätte, ob Corvin überhaupt gesprochen hatte.

Corvin blieb stehen. Er sah dem Mann nach. Und dann tat er etwas, das Arlon nie erwartet hätte: nichts. Er wehrte sich nicht, widersprach nicht, versuchte es kein zweites Mal. Er folgte nur, ein paar Schritte hinter dem Zug, wie ein Mann, der gerade begriffen hat, dass er ein Geschenk erhält, das er sich vor drei Wochen gewünscht und heute nicht mehr will, und dass es jetzt zu spät ist, es zurückzugeben.

Die Vorbereitungen begannen noch am selben Nachmittag und zogen sich über drei Tage hin. Kalklichter wurden entlang der alten Gärten aufgestellt, ihr Schein bläulich und kalt. Eisenstangen wurden in gefrorenen Boden getrieben, Ketten dazwischen gespannt, und in die Stangen waren Zeichen eingeschlagen, gerader und härter, als eine Hand sie hätte formen können, wie eine Handschrift ohne Hand. Der farblose Mann ging die Ketten selbst ab, prüfte jede einzelne, zog daran, lauschte, wie eine Saite, die er ausdrücklich nicht zum Klingen bringen wollte.

Ura protestierte nicht. Aber es antwortete, auf seine Art – und diese Antwort brauchte, anders als der farblose Mann, mehr als einen Nachmittag. Am ersten Tag schlossen die Läden früher als sonst. Am zweiten brachte jemand – niemand wusste hinterher genau, wer – den fremden Soldaten heißen Most, ohne recht zu wissen, warum, nur weil es kalt war und man Fremden in Ura nun einmal etwas zu trinken brachte, ganz gleich, wozu sie gekommen waren. Am dritten Tag stand der Wachmann von der Straßenecke auf der falschen Seite seiner eigenen Absperrung und wusste es, und sagte nichts dazu, zu niemandem. In der Wohnküche der Familie wurde es von Tag zu Tag stiller, bis selbst Mira spürte, dass jetzt nicht die Zeit für Fragen war.

Am dritten Abend kam Lirya, atemlos, über den Hof gerannt, das Gesicht gerötet von der Kälte und von etwas anderem.

„Heute Nacht", keuchte sie. „Sie machen es heute Nacht." Sie presste sich die Hände gegen die Ohren, nur für einen Moment, als könnte sie das Gehörte dadurch leiser machen. „Und Arlon – es singt so laut. Es singt, als wüsste es das."

Arlon musste nicht fragen, was „es" war.

Sie gruben den Kompass in dieser Nacht aus, wo sie ihn zur Sicherheit vergraben hatten, tief im Gemüsebeet, unter der wachsamen, ausnahmsweise völlig stummen Beobachtung von Angie, die sonst zu jedem Anlass etwas zu sagen hatte. Das Messing war heiß, heißer, als es je gewesen war, und als Arlon den Deckel öffnete, kam die Stimme von der anderen Seite anders zu ihm als sonst – nicht ruhig, nicht neugierig, sondern eilig, fast ängstlich, zum allerersten Mal.

Bei uns ist etwas im Gange, kam es, kaum geformt, mehr Drängen als Worte. Beeilt euch einfach.

Vor dem Hoftor wartete schon jemand.

Der Streuner stand dort, aber er stand anders als sonst, aufrechter, größer, als hätte er die ganze Zeit über etwas kleiner gewirkt, als er wirklich war, aus Höflichkeit oder aus Vorsicht. Und während Arlon zusah, geschah etwas, das er nie würde erklären können: Das Tier schien die vertraute Gestalt des Streuners abzustreifen, wie einen Mantel, der ihm zu klein geworden war, und was zurückblieb, war größer, grauer, mit Augen, die im Dunkeln ein eigenes, kaltes Licht zu tragen schienen. Im Schnee, wo es stand, blieben Spuren zurück, so groß wie Teller.

Es sah Arlon an, einmal, und ging voraus.

Es führte sie nicht dorthin, wo sie es zuvor versucht hatten. Kein Gartentor, kein Zaun, kein Pfad zwischen den Wanderolivenbäumen – stattdessen ein Umweg durch dichtes, dunkles Unterholz, das ihnen bislang niemand gezeigt hatte, auf der Seite der Gärten, die von den Kalklichtern am weitesten entfernt lag und wo die Männer der Inquisition, ganz auf den Bogen und ihre Ketten konzentriert, niemanden erwarteten. Der Neuschnee dämpfte jeden Schritt.

Sie folgten ihm zu den alten Gärten, in einem seltsamen kleinen Zug, der sich unterwegs zusammensetzte, Stück für Stück. Zuerst Arlon und Lirya. Dann, an der nächsten Straßenecke, wartend, als hätte sie es geahnt, Edeltraut, einen Handschlitten hinter sich herziehend, auf dem, in Decken gewickelt bis zur Nasenspitze, Jorvel lag. „Ich habe der Lehrerin gedroht", verkündete er, kaum dass er sie sah, mit einer Stimme, die trotz allem noch Humor fand, „sonst allein zu kriechen." Edeltraut verdrehte die Augen, sagte aber nichts, was die Drohung widerlegt hätte.

Oben, dort, wo der Weg sich zwischen den Wanderolivenbäumen hindurchwand und der Schnee am tiefsten lag, stand Alma. Sie stand einfach da, aufrecht, den Blick auf den Bogen gerichtet, der vor ihr im Dunkeln aufragte, als stünde sie schon immer dort.

„Da seid ihr ja", sagte sie, ohne sich umzudrehen, als sie näherkamen. Ihre Stimme klang anders als sonst – nicht ängstlich, aber wach, ganz und gar wach, auf eine Weise, die Arlon vorher nie an ihr gesehen hatte.

Sie versammelten sich um sie, im Schnee, im Schatten der eisernen Stangen und der bläulichen Kalklichter, die von der anderen Seite der Gärten herüberschimmerten, wo die Männer der Inquisition ihre letzten Vorbereitungen trafen, ahnungslos, dass sie beobachtet wurden.

„Hört mir zu", sagte Alma, und alle hörten zu, sogar der Wolf, der sich neben sie gesetzt hatte wie ein Wächter, der endlich seinen Posten erreicht hatte. „Wir sind nicht hier, um gegen etwas zu kämpfen." Sie sah jeden von ihnen an, einen nach dem anderen, Arlon, Lirya, Edeltraut, den blinden Jorvel in seinen Decken. „Wir sind hier, um für etwas zu singen. Das ist keine schwächere Sache, Bengel, das ist die stärkere."

Niemand widersprach ihr. Niemand hätte es gewagt, und niemand hätte gewollt.

Auf der anderen Seite der Gärten hob der farblose Mann eine Hand.

Dann erwachte der Bogen.

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