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Der Große Bogen erwacht
Chapter VI – Die Tür im Schnee

Der Große Bogen erwacht

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Der Ton kam nicht von irgendwoher. Er kam von überall gleichzeitig, aus dem Boden, aus der Luft, aus den Zähnen im eigenen Mund, ein tiefes, langsames Dröhnen, zu tief, um es mit den Ohren allein zu hören. Arlon spürte, wie Lirya neben ihm nach seinem Ärmel griff, wie Edeltraut einen halben Schritt zurücktrat, wie selbst der Wolf die Ohren anlegte und sich tiefer in den Schnee duckte. Nur Alma und Jorvel rührten sich nicht. Sie hatten, so schien es, ihr ganzes Leben auf genau diesen Ton gewartet.

Dann kam das Licht.

Es begann in der Mitte des halben Bogens, dort, wo der Stein am dünnsten war, ein Glimmen, das golden wurde, dann heller, bis es den ganzen Bogen durchzog wie Blut, das in ein eingeschlafenes Glied zurückkehrt – sich selbst ähnlich bis in die kleinste Windung, ein Muster, das sich wiederholte und wiederholte, zu schön, um wirklich zu sein, und doch war es da. Für einen einzigen Atemzug stand die ganze Lichtung in diesem Glanz, und niemand sprach, niemand bewegte sich, nicht einmal die Männer der Inquisition auf der anderen Seite der Absperrung. Arlon sah Almas Gesicht in diesem Licht, offen, ungeschützt, jünger, als er es je gesehen hatte. Er sah Jorvels blinde Augen, die sich dem Glanz zuwandten, und vielleicht, dachte Arlon später, sahen sie ihn wirklich, auf ihre eigene Weise.

„SCHLIESSEN!"

Der Ruf zerriss den Moment. Der farblose Mann hatte die Hand erhoben, und zwanzig Hände fuhren gleichzeitig zu den Ketten, zu den Eisenstangen, jede Bewegung geübt, kalt, unaufhaltsam. Es gab einen Herzschlag, einen einzigen, zwischen dem Befehl und seiner Wirkung, in dem Arlon dachte, es könnte noch aufgehalten werden – und dann spannten sich die Ketten, und die eingeschlagenen Zeichen begannen zu glühen, nicht golden wie der Bogen, sondern in einem harten, klirrenden Weiß.

Der Bogen schrie.

Es war kein Tier, das da schrie, und keine Maschine, sondern etwas dazwischen, ein Ton, der durch Mark und Bein ging. Lirya presste sich die Hände gegen die Ohren, das Gesicht verzerrt vor Schmerz, und Edeltraut zog sie instinktiv an sich. Arlon spürte den Schrei nicht in den Ohren, sondern tiefer, als würde etwas in ihm selbst mitschreien, etwas, das er bisher nicht gekannt hatte.

Dann fingen die Bäume Feuer.

Die Wanderolivenbäume, uralt, eigenwillig gewachsen, standen plötzlich in Flammen, ohne dass ein Funke geflogen wäre – das Licht im Bogen selbst schien sich in sie hineingebrannt zu haben. Alma stieß einen Laut aus, der kein Wort war – sie atmete ein und schien nicht wieder auszuatmen, stand da, starr, während der Feuerschein sich in ihren Augen spiegelte, und Arlon wusste, ohne dass es ihm jemand hätte sagen müssen, dass sie gerade nicht nur diese Bäume brennen sah. Sie sah wieder die Haine ihrer Kindheit, ihren Vater, der drei Kämpfer der Inquisition gebraucht hatte, um aufgehalten zu werden. Er trat zu ihr, legte ihr eine Hand auf den Arm, und sie hielt sie fest, so fest, dass es wehtat, aber er zog sie nicht weg.

Jorvel begann zu singen.

Er stand auf – zum ersten Mal, seit sie ihn kannten, stand er, ließ die Decken von seinen Schultern gleiten, als brauche er sie plötzlich nicht mehr, und aus seiner Kehle kam eine Melodie, brüchig und uralt, die sich unter das Dröhnen und den Schrei legte wie eine zweite, geduldigere Stimme. Schon nach den ersten Tönen sah Arlon, wie sich Jorvels Hände zu Fäusten schlossen, die Knöchel weiß im flackernden Licht, als koste ihn jeder einzelne Ton etwas, das sich nicht zurückholen ließ. Er sang trotzdem weiter.

Und Lirya antwortete.

Es begann als Zittern – Arlon sah es, wie ihre Hände bebten, wie sie den Mund öffnete und zunächst nichts herauskam, nur Atem –, und dann, mit einem letzten, sichtbaren Ruck, hörte das Zittern auf, und ein Ton kam heraus, klar, viel höher und viel sicherer, als irgendjemand von ihr erwartet hätte. Sie sang, und etwas antwortete ihr, von weit her und zugleich ganz nah, ein Gegenton, der sich um ihre Stimme legte wie eine Hand um eine andere Hand.

Alma begann eine dritte Stimme zu weben, tiefer als Jorvels, leiser als Liryas, aus einer Kehle, die Arlon nie so hatte klingen hören, in Silben, die zu keiner Sprache gehörten, die er kannte. Er sah nur von außen zu, wie ihre Lippen sich bewegten, wie ihr Gesicht sich für diesen einen Moment veränderte, in etwas Uraltes und zugleich vollkommen Vertrautes, und er fragte nicht, woher sie das kannte. Manche Dinge fragte man in diesem Moment nicht.

Und dann war Arlon selbst mittendrin.

Er sang nicht. Er hatte keine Stimme dafür, kein Wissen, keine Melodie. Aber er wurde gesungen – etwas in ihm, das seit Wochen auf einem Fensterbrett gelegen und in Träumen zu ihm gesprochen hatte, öffnete sich jetzt vollständig, und durch ihn hindurch, wie durch eine offene Tür, floss etwas, das er nicht kontrollierte und auch nicht kontrollieren wollte. Er kämpfte nicht. Er hielt nur – hielt die Verbindung, die durch ihn hindurchging, so wie man eine Tür aufhält, damit andere hindurchgehen können, mit beiden Händen, mit dem ganzen Körper, ohne zu wissen, wie lange er es noch aushalten würde.

Der Riss im Bogen weitete sich, aber diesmal nicht durch die Ketten. Diesmal öffnete er sich wie eine Tür.

Für einen Atemzug – nicht länger – sahen sie hindurch.

Weiße Türme. Dachgärten. Ein Himmel mit zwei Monden, von denen einer viel zu tief hing, viel zu nah. Und Rauch. Rauch, der über den weißen Dächern aufstieg, dort, auf der anderen Seite, wo Arlon einmal gestanden hatte, in einem fremden Körper, unter einem fremden Namen, den er nicht kannte. Die Stadt brannte, oder wurde belagert, oder beides, das ließ sich in diesem einen Atemzug nicht unterscheiden, aber die Angst, die durch die Tür schlug, war eindeutig, roh, ungefiltert.

Sie sind hier!, kam es, kaum als Worte, mehr als Alarm, der sich durch Arlons ganzen Körper zog.

Und dann geschah etwas, das Lirya später als die schärfste Beobachtung der ganzen Nacht bezeichnen würde: Die Lichter dort drüben, in der fremden Stadt, waren zu gerade. Zu gleichmäßig. Derselbe kalte, bläuliche Schein wie die Kalklichter hier, derselbe Rhythmus wie die Wagen, die drei Tage zuvor in Ura eingetroffen waren.

Sie sprach es erst Wochen später aus, und auch dann nur zu ihm, leise, als traute sie dem eigenen Gedanken nicht ganz: „Was, wenn es derselbe Krieg war? Nur von der anderen Seite gesehen." Arlon hatte keine Antwort darauf. Niemand hatte eine.

„BRECHEN!"

Der Ruf des farblosen Mannes kam scharf, ohne Zögern, und die Ketten strafften sich mit einem letzten, gewaltsamen Ruck. Es ging schnell jetzt, viel zu schnell – die Tür, die sich gerade erst geöffnet hatte, wurde zurückgezerrt, gewaltsam, wie eine Wunde, die man wieder zunäht, ohne sie zu reinigen.

Der schwarze Riss erschien mit einem Laut, den niemand von ihnen je wieder vergessen würde, ein Reißen, das durch den ganzen Bogen lief, und dann, für einen Moment, war es still. Ganz still. Selbst das Feuer in den Bäumen schien für einen Herzschlag den Atem anzuhalten.

Dann kehrte das Feuer ins Bewusstsein zurück.

„Erst das Feuer", flüsterte Alma, und ihre Stimme trug etwas von der Autorität ihres Vaters, den sie nie vergessen hatte. Arlon brauchte diesen einen Satz nicht zweimal zu hören. Er ließ los, was er die ganze Zeit gehalten hatte – ein Loslassen, das sich anfühlte, als würde ihm ein Teil des eigenen Körpers genommen – und rannte, mitten durch den Schnee, zurück Richtung Stadt, um Hilfe zu holen, um Eimer, um Hände.

Ura antwortete, wie Ura antwortete: mit Eimern.

Innerhalb von Minuten war die Kette gebildet, von den Brunnen bis zu den Gärten, Hand um Hand, Gesicht um Gesicht, die Arlon sein Leben lang kannte – der Bäcker mit Mehl im Bart, der Wachmann von der Straßenecke, der jetzt auf der richtigen Seite seiner eigenen Stadt stand, Frika mit hochgekrempelten Ärmeln, die Zwillinge, die zum ersten Mal im perfekten Gleichschritt arbeiteten, statt ihn nur zu gehen. Jorin kam mit etwas Sperrigem unter dem Arm angerannt, dem Ding, an dem er wochenlang gebastelt hatte, von dem niemand geglaubt hatte, dass es je fertig werden würde. Mit ein paar hastigen Handgriffen, den Lederblasebalg voran, baute er es zwischen zwei Stationen der Kette auf, und was eben noch ein stockendes, ungleichmäßiges Weiterreichen gewesen war, wurde mit einem Mal gleichmäßiger: Die Kette musste nicht mehr auf jeden einzelnen Eimer warten, das Wasser floss beinahe ohne Unterbrechung, geradewegs auf die brennenden Stellen zu. Jorin starrte einen Moment auf sein eigenes Werk, unsicher, ob er ihm trauen sollte, und pumpte dann weiter, mit einem Grinsen, das trotz allem durch den Ruß brach – als hätte das Ding, an dem er sich wochenlang die Finger wund gebastelt hatte, endlich begriffen, wofür es gut war.

Ein Stück weiter unten in der Kette hatten sich auch zwei, drei der fremden Soldaten eingereiht, ohne dass jemand es ihnen befohlen hätte, und reichten Eimer weiter wie alle anderen. Niemand kommentierte das.

Mitten in der Kette, Eimer für Eimer, reichend, ohne aufzusehen, stand Meister Corvin.

Niemand sprach ihn darauf an. Niemand wechselte mit ihm einen bedeutungsvollen Blick, keine Geste der Bekehrung, kein Moment, der markiert werden musste. Er reichte Eimer, wie jeder andere Eimer reichte, und niemand sagte ein Wort darüber, in dieser Nacht nicht und auch später nicht.

Lirya, die eben noch mitten im vierstimmigen Klang gestanden hatte, spürte als Erste, dass mit Jorvel etwas nicht stimmte, noch bevor sie es hätte benennen können. Sie ließ ihre letzten Töne verklingen und lief durch den Schnee zu ihm, dorthin, wo die Flammen am höchsten schlugen und wo auch Arlon, kurz nach ihr, den Wolf entdeckte. Er drängte Jorvel, der zusammengesunken im Schnee lag, sanft aber unnachgiebig in Richtung des Handschlittens, mit der Schnauze, mit dem ganzen Körper, wie ein Wesen, das genau wusste, was zu tun war und wie wenig Zeit dafür blieb. Er legte sich neben den alten Mann, wärmte ihn mit seinem eigenen Körper, und Jorvel, kaum bei Bewusstsein, hob eine zitternde Hand und legte sie in das graue Fell.

„Da bist du ja", murmelte er, mit einem schwachen, aber echten Lächeln, als würde er einem sehr alten Freund begegnen.

Lirya kniete neben ihm, das Gesicht tränenverschmiert und rußgeschwärzt zugleich, und Jorvel wandte den Kopf zu ihr, mit einer Genauigkeit, die seine Blindheit Lügen strafte.

„Es kennt jetzt deinen Namen", sagte er, so leise, dass nur sie es hören konnte. „Behutsam damit. Es ist noch jung darin."

Er hustete, einmal, und lächelte wieder, dieses wache, wissende Lächeln, das ihn die ganze Zeit begleitet hatte.

„Ein Lied stirbt nicht mit dem Sänger", flüsterte er. „Es zieht nur um."

Dann zog es um.

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