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Was weiterwandert
Chapter VI – Die Tür im Schnee

Was weiterwandert

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Der Schnee deckte alles zu, als der Morgen kam – die verkohlten Stämme, die Asche, die Fußspuren einer ganzen Nacht –, als wollte er sagen: Das hier hebe ich auf. Das wird noch gebraucht. Arlon saß zwischen Alma und Lirya auf einem umgestürzten Baum, die Handflächen verbrannt und verbunden, und in ihm war etwas Drittes zurückgeblieben, für das er keinen Namen hatte und für das er, das wusste er schon jetzt, noch Jahre brauchen würde, um ihn zu finden.

„Erst das Feuer", sagte Alma neben ihm, leise, mehr zu sich selbst als zu ihm. Sie sah nicht ihn an, sondern die verbrannten Bäume. „Mein Vater konnte das nie. Löschen, ja – aber dann ging er los, um zu kämpfen, weil Löschen ihm nie genug war." Sie legte ihm die Hand auf die verbundene Handfläche, sehr vorsichtig. „Du hast gehalten, Bengel. Nicht gekämpft. Du bist weiter als er."

Arlon wusste nicht, was er darauf sagen sollte, also sagte er nichts. Er griff in seine Tasche, fühlte den Kompass, immer noch warm. Noch.

Sie begruben Jorvel am selben Nachmittag, an der Stelle, wo die Wanderolivenbäume gestanden hatten, unter einem jungen Setzling statt unter einem Stein – „damit er wächst, während wir noch reden", hatte Edeltraut gesagt, mit einer Stimme, die zum ersten Mal, seit Arlon sie kannte, nicht ganz fest war. Sie war es auch, die die erste Handvoll Erde hineinwarf, langsam, als wolle sie jedes Korn einzeln loslassen. Arlon legte, ohne dass ihm jemand gesagt hätte, es zu tun, den Kompass für einen Atemzug auf die frisch aufgeworfene Erde – nicht, um ihn dort zu lassen, nur um ihn noch einmal in der Nähe zu wissen, bevor er ihn wieder einsteckte. Niemand fragte, warum. In diesen Tagen brauchten manche Gesten am wenigsten eine Erklärung.

In den folgenden Tagen kamen sieben Karawanen der Bammer aus dem Winterwald, von überall her, als hätten sie es gespürt statt gehört, und legten Zweige und kleine, geschnitzte Dinge um den Setzling, „damit er unterwegs etwas zu summen hat", wie eine alte Frau aus einer der Karawanen es erklärte, ohne dass jemand nach einer Erklärung gefragt hätte.

Lirya sang an diesem Nachmittag, vor der ganzen versammelten Trauergemeinde, mit einer Stimme, die noch am Vorabend gezittert hatte und jetzt nicht mehr zitterte. Und als sie endete, geschah etwas, das niemand von ihnen erwartet hatte: Die Liedväter und Liedmütter der Karawanen, alte, in ihren eigenen Reihen hoch geachtete Menschen, verneigten sich vor ihr, vor einem dreizehnjährigen Mädchen, tief und ohne jede Ironie. Lirya wusste nicht, wohin mit ihren Händen. Sie errötete, was Arlon noch nie an ihr gesehen hatte, und für einen langen Moment sah sie aus, als wolle sie sich am liebsten hinter ihm verstecken – aber sie tat es nicht. Sie blieb stehen, gerade, und nahm die Verneigung an, so ungeschickt und so würdevoll zugleich, dass Arlon in diesem Moment wusste: Sie würde das nie wieder ganz loswerden, dieses neue Gewicht, das jetzt zu ihr gehörte.

In den Tagen danach kam Arlon manchmal am Schulgebäude vorbei und hielt unwillkürlich den Atem an, kurz, in Erwartung eines Tons, der nicht mehr kam – der Glocke, die weit unten in einem Kellerraum niemand mehr zählte. Es war eine kleine Sache, kaum der Rede wert, und trotzdem war es die Sache, die ihm Jorvels Fehlen jedes Mal aufs Neue klarmachte, mehr als jede Trauerrede es vermocht hätte.

Der Wolf blieb bis zum Abend. Er heulte einmal, ein einziges Mal, lang und hoch, in Richtung Osten, und dann trat er den Weg dorthin an, ohne sich noch einmal umzudrehen. Mira weinte, unverhohlen, und niemand widersprach ihr, als sie erklärte, er würde bestimmt zurückkommen, irgendwann, wenn er fertig sei mit dem, was er zu tun hatte. Er trug, als er ging, noch immer Miras rotes Halstuch um den Hals, das sie ihm irgendwann in den letzten Tagen umgebunden hatte, halb aus Zuneigung, halb aus Trotz gegen seinen Abschied.

Was danach geschah, geschah ohne Absprache, und gerade das machte es so bemerkenswert: Eine ganze Stadt hatte, ohne sich je darüber zu einigen, beschlossen, was sie der Welt erzählen würde. Nichts. Der Wachmann von der Straßenecke, gefragt, was in jener Nacht die Bäume habe brennen lassen, zuckte die Schultern und sagte „Marder", genau wie er es Wochen zuvor über den Streuner gesagt hatte, und ein Händler, gefragt nach den fremden Wagen, erklärte, es seien Handelsleute gewesen, die sich verirrt hätten. Eine alte Frau am Brunnen behauptete steif und fest, es habe überhaupt kein Feuer gegeben, nur viel Rauch von einem verunglückten Ofen. Keiner der drei hatte sich mit den anderen abgesprochen. Keiner musste es.

Der farblose Mann verließ Ura zwei Tage später, mit seinen zwanzig Männern und seinen Wagen, ohne ein Wort des Abschieds an irgendjemanden. Was Arlon später erfuhr – durch Umwege, durch Andeutungen, durch das, was Erwachsene sagten, wenn sie dachten, Kinder hörten nicht zu –, war, dass in einem Bericht, der nach Süden ging, ein einziger Satz dreimal wiederholt worden war, in exakt derselben, papierenen Sprache: Der Vorfall gilt als neutralisiert. Der Vorfall gilt als neutralisiert. Der Vorfall gilt als neutralisiert. Zwischen zwei Zäunen, hieß es, wurde der Bericht versiegelt, bevor er weiterging.

Meister Corvin blieb noch eine Weile.

Er kam an einem der letzten Abende zum Hof, allein, ohne Uniformglanz, mit einem kleinen Päckchen Kandiszucker, das er wortlos in Miras Hände drückte. Er sprach nicht lange. „In meinen Unterlagen", sagte er, an niemanden im Besonderen gerichtet, den Blick auf die verschneiten Felder gerichtet, „gibt es keine Kinder." Es war keine Warnung und kein Versprechen zugleich – es war beides, und keines von beidem ganz. „Ich bin dann im Archiv", fügte er hinzu, mit einem schmalen, müden Lächeln, das nicht erklärte, was er damit meinte, und niemand fragte nach. Er entschuldigte sich für nichts. Er bereute nichts laut. Er versprach nichts. Als er ging, hob er die Hand, ohne sich umzudrehen, als hätte er es nicht nötig, sich zu vergewissern, dass jemand zurückwinkte.

„Die Zwölfe mit dir!", rief Mira ihm hinterher, wie sie es jedem nachrief, der ihren Hof mit vollen Händen verließ – und vielleicht war es das erste Mal, dass diese Worte einem Mann der Inquisition nachgerufen wurden. Corvin drehte sich nicht um, aber sein Schritt stockte, kaum merklich, für den Bruchteil eines Atemzugs, bevor er weiterging.

Er war kein Verbündeter geworden. Das war jedem klar, der ihn gehen sah. Er war ein Mann geblieben, der einmal, ein einziges Mal in seinem Leben, eine Grenze überschritten hatte, weil er genau wusste, welche es war.

Brann und Edward kamen eine Woche zu spät, von zwei verschiedenen Seiten, beinahe zur selben Stunde, als hätten sie es abgesprochen, ohne miteinander gesprochen zu haben. An diesem Abend saßen die Erwachsenen lange in Edeltrauts Stube, hinter einer geschlossenen Tür, und was durch diese Tür drang, waren nur Fragmente – Branns Stimme, tief und aufgebracht: „Einen Siegelmeister. Für zwei Kinder und ein Lied." Edeltrauts leiseres, gleichmäßiges Antworten. Einmal ein Lachen, kurz und ohne echte Freude. Einmal eine lange Stille, die schwerer wog als jedes Wort.

Am nächsten Morgen saß Brann mit der ganzen Familie am Frühstückstisch, seine große Pranke auf Arlons Schulter, so schwer und so warm zugleich, dass Arlon sich kleiner und größer zugleich fühlte.

„Frühjahr", sagte Brann. „Ihr geht im Frühjahr. Beide."

„Ich will mit", sagte Lirya, bevor irgendjemand sie das überhaupt gefragt hatte, mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch erwartete.

Brann sah sie an, dann nickte er, als hätte er nichts anderes erwartet. „Das weiß ich", sagte er nur, und wandte sich zu Arlon. „Es gibt da wen, den du kennenlernen solltest, Junge. Du kennst ihn ja schon halb."

Edward, der neben ihm saß, klappte seine Uhr auf, betrachtete sie, klappte sie wieder zu, mit der Genauigkeit eines Mannes, der lieber über Zeit sprach als über Gefühle.

„Frühjahr", wiederholte er. Er sah aus dem Fenster, auf den Schnee, der immer noch nicht schmelzen wollte, obwohl der Winter sich eigentlich seinem Ende zuneigen sollte.

„Zum ersten Mal in meinem Leben", sagte er, „ist mir das zu spät."

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